Mittwoch, 7. September 2016

Ein Handbuch - auch für die Schulpraxis

Fuest, Ada/John, Friedel/Wenke, Matthias (Hrsg.): Handbuch der individualpsychologischen Beratung in Theorie und Praxis. Zusammenhänge erschließen – Horizonte öffnen. Waxmann Münster New York 2014. 488 Seiten. 59,90 €

Diesmal etwas für diejenigen, die - ob als Pädagogen oder in anderen sozialen Berufen - mit Beratung zu tun haben. Ich habe die folgende Rezension für die Zeitschrift engagement - Zeitschrift für Erziehung und Schule verfasst. Sie ist im Heft 1/2015, S. 56 f erschienen.

"Die Herausgeber haben sich viel vorgenommen: Es geht um ein „solides Fundament für die individualpsychologische Beratung in Theorie und Praxis“. Als Adressaten nehmen sie dabei in erster Linie Berater und Therapeuten, aber auch Studenten, Erzieher, Lehrer, Ausbilder, Juristen, Theologen – kurz eigentlich alle sozialen Berufe bis hin zu Managern und Führungskräften in den Blick; gleichzeitig  sollen es auch potentielle Klienten lesen können. Damit werden sehr unterschiedliche Vorbedingungen ins Auge gefasst, unterschiedliche Berufsfelder, unterschiedliche Kenntnisse, unterschiedliche Aufgaben. Der Charakter des Werkes als Handbuch kommt dem entgegen, handelt es sich doch um eine Sammlung von Kapiteln, die für sich lesbar sind, gleichwohl in der Summe bei aller Verschiedenheit einen stimmigen Eindruck vermitteln.

Betrachtet man die Gliederung, fällt auf, dass die Herausgeber dem Werk eine Struktur zugrunde legen, die dem Anspruch der „Theorie“ durchaus genügen soll und kann. Am Anfang steht das Menschenbild Adlers bzw. der Individualpsychologie, diese wird auch in der Philosophie der Zeit ihrer Entstehung (Edmund Husserl) verortet und in Schwerpunkten vorgestellt. Die deutlich auf die Praxis zielenden Anteile werden unter „Lebensstil“, „Lebensaufgaben“ und „Fallbeispiele individualpsychologischer Beratung“ beschrieben und bearbeitet, auch die systematischen Ansätze („Zentrale individualpsychologische Begriffe“ und „Methoden individualpsychologischer Beratung“) werden durch Praxisbezug konkretisiert. Die Fallbeispiele stellen sich überwiegend als konkrete Hinweise zur möglichen Gestaltung von thematisch orientierten Beratungssituationen dar, weniger um Analyse von Einzelfällen.

Denkt man an mögliche Lesergruppen, so ist das Werk gewiss eine gute Einführung in die Individualpsychologie, die Studenten, interessierte Laien und Mitglieder von Fort- und Weiterbildungsgruppen mit Gewinn nutzen können. Für die Praxis sozialer Berufe wie Sozialpädagogen, Lehrer oder Erzieher bietet es Orientierung und gerade auch durch seine vielen Verweise auf konkrete Fälle Hinweise für die eigene Arbeit. Wer bereits als Berater oder Therapeut mit der Materie vertraut ist, wird das Buch nutzen können, um seine Praxis mit aktuellen Darstellungen und Praxen anderer abzugleichen.

 Das Autorenteam setzt sich aus erfahrenen Praktikern zusammen: Therapeuten, Berater, Supervisoren, Coachs, Trainer, Personalberater, Erziehungswissenschaftler, Psychologen, ein Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie und weitere Fachleute mit unterschiedlichen Vorbildungen und beruflichen Schwerpunkten finden sich hier zusammen. Ganz überwiegend sind sie im Alfred-Adler-Institut Nord e. V. in Delmenhorst engagiert, ein Umstand, der gewiss inhaltlich und im Arbeitsprozess die Abstimmung gefördert hat, die dem Leser jetzt entgegenkommt.
Die umfangreiche Literaturliste am Ende des Buches liefert die Fundstellen der verwendeten Zitate, zeigt in dieser Zusammenstellung auch, dass sowohl Entstehung, Geschichte und aktueller Stand der Entwicklung der Individualpsychologie verarbeitet wurden. Die Liste der Autoren und Autorinnen im Anhang erscheint eher unsystematisch; manche beschreiben knapp ihren beruflichen Status, andere schreiben eine Art Kurzvita auf, wieder andere nennen ihre Kontaktdaten mit E-Mail- und Wohnadresse.

Wer Interesse an einer Aus- oder Weiterbildung zu Themen der Individualpsychologie bekommt, wird am Ende des Buches fündig: Hier wird die DGIP (Deutsche Gesellschaft für Individualpsychologie) vorgestellt, es folgt ein Hinweis auf das AAIN (Alfred-Adler-Institut Nord e. V.) mit seinen Kontaktdaten.

Fazit

Alles in Allem finden wir hier ein Buch vor, das der selbstgestellten Aufgabe gerecht wird. Die Individualpsychologie ist weit verbreitet und fachlich anerkannt. Sie kann Unterschiedliches leisten: Beratung, Therapie, aber auch eine Analyse von Personen, Motiven und Handlungen in Alltagssituationen pädagogischer, sozialer oder heilender Berufe. Das Werk ist nicht als Lehrbuch, sondern als Handbuch konzipiert; in dieser Funktion ist es mit Gewinn zu nutzen. Die Fokussierung auf „Beratung“ ist angesichts der Auswahl der Autoren und ihrer beruflichen Erfahrungen sinnvoll, wenn auch viele der geschilderten Grundlagen für andere Anwendungsgebiete gelten." 

Samstag, 3. September 2016

RIP, Hans Hampe (1925 - 2016)

So fing es an.

Am 9. Januar 1967, morgens gegen 9 Uhr, habe ich Hans Hampe kennengelernt. Es war der letzte Tag der Weihnachtsferien zu Beginn des zweiten Kurzschuljahres. Ich saß im Wartezimmer des Schulamtes für den Kreis Coesfeld, in dem ich mit einer Reihe anderer zukünftiger Lehrerinnen und Lehrer auf die Ernennung zum Volksschullehrer z. A. und auf die Vereidigung als Beamter auf Probe wartete. In dem Raum saß mit uns ein Mann um die 40. Es war, wie wir erfuhren, der Schulleiter der Jakobischule in Coesfeld, an der Theo Königshofen eingesetzt werden sollte. Theo war ein Kommilitone, der ebenfalls an diesem Tag seinen Dienst aufnahm. Hans Hampe, so stellte sich der Rektor vor, beschrieb uns ein wenig den Schulrat Heinrich Kreis, mit dem wir es von nun an zu tun hatten, erzählte uns vom Kreis Coesfeld und mehr.
Ich hatte an dem Morgen schon eine Reise hinter mir: Mit dem Bus von Recklinghausen nach Dorsten, von Dorsten mit dem Zug nach Coesfeld, mit meinem leichten Gepäck, im Wesentlichen meine Reisetasche mit dem Nötigsten, zu Fuß zum Schützenwall 18, zum Kreishaus. Ich hatte mir etwas zu lesen mitgenommen: "... und sagte kein einziges Wort" von Heinrich Böll. Das las ich auch in meiner Ecke, während Hans Hampe mit den anderen plauderte. Schmunzelnd sprach er mich an: "Und sagte kein einziges Wort!" -  So kamen auch wir ins Gespräch. Später hörte ich, dass er Leiter einer Junglehrer-Arbeitsgemeinschaft war, in der sich Junglehrer auf die Zweite Staatsprüfung vorbereiteten.
Als 1968 erstmalig ein Vorbereitungsdienst für das Lehramt an Grundschulen und Hauptschulen eingeführt wurde, wurde Hampe Leiter des Bezirksseminars in Coesfeld, eines der ersten im Lande. Und etwas später lernte ich ihn näher kennen, weil er bei der Lehramtsanwärterin Unterrichtsbesuche machte, deren Ausbildungslehrer ich war. Bald darauf wurde ich in das Prüfungsamt für Zweite Staatsprüfungen für das Fach Mathematik berufen.
Um es kurz zu machen: Wir arbeiteten immer mehr zusammen, 1971 wurde ich Fachleiter für Mathematik am Seminar in Recklinghausen, 1972 in dieser Funktion an das Coesfelder Seminar versetzt. 1973 fragte Hampe mich, ob ich mich nicht auf die Stelle des stellvertretenden Leiters bewerben wolle. Und so wurde ich 1974 sein Stellvertreter, damit verbunden ein vollständiger Wechsel aus der Schule in die Zweite Phase der Lehrerausbildung. Es folgten fruchtbare Jahre der Zusammenarbeit. Die freundschaftliche Beziehung überdauerte die Zeit des gemeinsamen Dienstes, bis etwa 2010 trafen wir - die Ehepaare Hampe und Vortmann - regelmäßig zu gemeinsamen Abendessen zusammen.

So hört es auf.

Heute Morgen haben wir ihn - die Urne mit seiner Asche - auf dem letzten Weg begleitet. Für die Coesfelder Allgemeine Zeitung habe ich diesen Nachruf verfasst:
"Am heutigen Samstag nehmen Familie, Verwandte und Freunde von Rektor i. R. Hans Hampe mit einer Eucharistiefeier und der Urnenbeisetzung Abschied. Viele Menschen in Coesfeld werden sich dankbar an ihn als Rektor der Jakobischule oder als Leiter des Lehrerseminars am Akazienweg erinnern.
1925 in Weißenfels im heutigen Sachsen-Anhalt geboren, studierte er nach Kriegsteilnahme und Gefangenschaft von 1947 bis 1949 an der Pädagogischen Akademie in Emsdetten mit dem Ziel, Lehrer zu werden. Nach dem Ersten Staatsexamen folgten kurzfristige Einsätze als außerplanmäßiger Lehrer in Zwillbrock, Stadtlohn und Ochtrup, bis er 1950 in der zweiklassigen Volksschule in Langenhorst eingesetzt wurde. Dort legte er 1952 die Zweite Staatsprüfung ab. 1958 wurde er Rektor der Vitusschule in Metelen, einer 14-klassigen Volksschule; 1965 übernahm er die Leitung der Jakobischule in Coesfeld, damals noch eine Volksschule mit den Jahrgängen 1 bis 8.
Schon 1962 vertraute man ihm die Leitung einer „Junglehrer-Arbeitsgemeinschaft“ an; diese war eine Pflichtveranstaltung für Lehrer, die sich auf die Zweite Staatsprüfung vorbereiteten. Noch heute erinnern sich die Teilnehmer gerne an seine fachlich kompetente, souveräne Art der Gestaltung der Sitzungen, die monatlich stattfanden. Auch als Mitglied in den Prüfungsausschüssen war er ein verlässlicher Partner. 1968 änderte sich die zweite Phase der Lehrerausbildung – zum ersten Mal wurde ein Vorbereitungsdienst für Volksschullehrer eingeführt. In Coesfeld, Gelsenkirchen und Münster wurden für diese Aufgabe die ersten drei Seminare im Regierungsbezirk Münster errichtet; die Leitung des Seminars in Coesfeld, das später – ab 1977 – für die Sekundarstufe I aller Schulformen ausbildete, übertrug man Hans Hampe, der damit Pionierarbeit leistete. Mehr als 1000 Lehramtsanwärter wurden von ihm und seinen Mitarbeitern in der Schulpraxis und in Haupt- und Fachseminaren angeleitet, beraten, betreut und zum Schluss auch geprüft. Seine Meinung war im Kreis der Seminarleiterkol­legen, auch bei Vorgesetzten, gefragt, sein Rat von Lehramts­anwär­tern und Fachleitern gerne angenommen. Seine menschliche, partnerschaftliche und zugewandte Art zeichnete ihn als Vorgesetzten aus.
1983 schloss das Seminar in Coesfeld wie die meisten anderen im Land. Seine letzten Berufsjahre arbeitete Hans Hampe in den Seminaren in Borken und Münster, bis er 1987 in den Ruhestand versetzt wurde.
Seine Erfahrungen reflektierte er und schrieb sie auf; sie wurden in der Schriftenreihe des „Verbandes Bildung und Erziehung“ (VBE) veröffentlicht. In der Freizeit spielte er gerne und gut Schach.  Mit 13 Jahren begann er, regelmäßig katholische Gottesdienste an der Orgel zu begleiten, so auch jahrzehntelang in allen Coesfelder Gemeinden, vor allem in seiner Pfarrei Maria Frieden. 2004 erhielt er für diesen Dienst die Cäcilien-Medaille. Er komponierte eine Messe und ein Requiem, auch einige Motetten. Am 29. Juli 2016 starb er ruhig und gelassen getreu dem Motto seines Requiems 'Tod hat nicht das letzte Wort'“.

Mittwoch, 24. August 2016

Run auf Gesamtschulen

Der WDR hat auf seiner Website einen interessanten Artikel zum Schuljahresbeginn postiert. Er analysiert die Gründe und Motive für die zunehmende Beliebtheit von Gesamtschulen.

Sie finden ihn hier: http://www1.wdr.de/nachrichten/schulstart-gesamtschulen-100.html

Für das Schuljahr 2017/18 können Eltern, aber auch Schulträger, hier Anregungen für ihre Entscheidungen finden.

Landesweit wechseln noch vier Prozent auf die Hauptschule

Das heißt, dass das dreigliedrige System keines mehr ist. Es ist maximal zweigliedrig - und hier zeigt die Kurve der Akzeptanz von Realschulen auch nach unten - mit 21,1 %. Den größten Zulauf hat das Gymnasium mit 41,3 %, es folgt mit Abstand - aber zunehmend - die Gesamtschule mit 26,1 %, und  die Sekundarschule landet mit 6,9 % knapp vor der Hauptschule. Integrative Schulformen, die Schüler aus allen Leistungsbereichen aufnehmen (Sekundarschule, Gesamtschule) halten also zusammen einen Anteil von von 33 %. 
Die Entwicklung spitzt sich auf die beiden Schulformen Gymnasium und Gesamtschule zu. Wir werden ein System haben, das auch weiterhin gegliedert ist, aber nach anderen Kriterien: Dem Gymnasium mit Turbo-Abitur nach 8 Jahren steht das integrierte System Gesamtschule mit allen Abschlüssen einschließlich Abitur nach neun Jahren zur Seite. Das Gymnasium besuchen zu einem großen Teil Kinder mit gymnasialer Empfehlung, während die Gesamtschule auch von Kindern mit Hauptschul- oder Realschulempfehlung besucht wird. 

Qualität und Vergleichsarbeiten (Lernstandserhebungen)

Vorab: Die Qualität einer Schule hängt natürlich von vielen Faktoren ab, und unter dem Begriff "Qualität" kann man in der Schule vieles verstehen. In guten Schulen werden nicht nur gute Leistungen erbracht, auch das Klima stimmt, Schüler erfahren Zuwendung und emotionale Wärme. Der Unterricht trägt individueller Förderung Rechnung, differenziert nicht nur nach Leistung (das auch), sondern auch den verschiedenen Lerntypen.
Gesamtschulen schneiden bei den landesweiten Lernstandserhebungen in Klasse 8 im Durchschnitt etwas schlechter als Gymnasien ab, aber besser als Realschulen und Hauptschulen - was einen Grund hat, der im System liegt. Gesamtschulen nehmen Kinder mit allen Empfehlungen (Hauptschule, Realschule, Gymnasium) auf , während Gymnasien zum größeren Teil Kinder mit gymnasialer Empfehlung unterrichten. Daher ist hier der Zensurendurchschnitt höher; allerdings sagt der Leistungsdurchschnitt nichts über den Erfolg des einzelnen Schülers, und da wird es zunehmend schwierig. Seit 2010 nehmen Gymnasien nämlich alle Kinder auf, deren Eltern das wünschen - die Empfehlungen für eine Schulform haben in NRW keinen bindenden Charakter mehr. In der Folge wird die Schülerschaft des Gymnasiums gemischter in ihren Leistungen als bisher, was sich auch in den Lernstandserhebungen niederschlägt.

Gleiche Leistungen nach Klasse 10 und im Abitur



Mittwoch, 6. Juli 2016

Greven und die Sekundarschule

Heute, am 6. Juli 2016, stand eine Notiz auf der Seite "Westfalen" der "Westfälischen Nachrichten":


Diese Notiz sagt einiges über unsere Gesellschaft und unser Schulwesen. 
In Greven gibt es
  • eine Hauptschule (auslaufend)
  • zwei Realschulen
  • ein Gymnasium
  • eine Gesamtschule

Das Problem

Die Gesamtschule ist 2012 fünfzügig gestartet. Sie kann nicht alle Schüler mit Hauptschulempfehlung aufnehmen, da sie ein bestimmtes Mischungsverhältnis beachten muss. Die Hauptschule nimmt keine Schüler mehr auf, weil sie zu wenig Anmeldungen hatte und deshalb auslaufend gestellt wurde.
Schüler mit Hauptschulempfehlung müssen daher in eine andere Stadt fahren, obwohl Greven vier Schulen in der Sekundarstufe I hat (Klasse 5 bis 10). Die Schülerklientel, die überproportional viele Migranten, viele Kinder mit Lernproblemen, viele Kinder mit sozialen und emotionalen Problemen enthält, schickt man weg. 

Lösungsmöglichkeiten

  • Man könnte die Gesamtschule sechszügig stellen. Dagegen werden sich die bestehenden Realschulen und das Gymnasium wehren.
  • Man könnte - siehe oben - eine Sekundarschule errichten. Das wäre keine weitere Konkurrenz für die gymnasiale Oberstufe des Gymnasiums, aber wohl eine für die Realschulen. Die Justin-Kleinwächter-Realschule wäre aufgelöst worden.
Die Eltern wurden gefragt und haben sich gegen eine von der Verwaltung und vom Rat gewollte Sekundarschule ausgesprochen. Das ist zu akzeptieren. Die Sekundarschule ist eine neue Schulform, anders als die Gesamtschule, und hat offenbar Startschwierigkeiten. Nicht zu unterschätzen ist die Kampagne der Justin-Kleinwächter-Realschule. Man kann davon ausgehen, dass die Eltern mit Aussicht auf eine Realschul- oder Gymnaiumempfehlung nicht für eine Sekundarschule gestimmt haben, und dass bei den Befürwortern mehrheitlich Eltern von potentiellen Hauptschülern waren.
Statements des Bürgermeisters und des Kämmerers lesen Sie hier.

Fazit

Alle bestehenden Schulen sind zufrieden, sie können weiter arbeiten, ohne von den Problemen der Hauptschüler behelligt zu werden. Man bleibt unter sich. Nirgendwo sonst ist das Herkunftsmilieu für den Schulerfolg so entscheidend wie in Deutschland.

Montag, 4. Juli 2016

Rektor Michael Roters geht in den Ruhestand

In der letzten Woche, am 1. Juli 2016, wurde der letzte Rektor der Hauptschule in Gescher, der Don-Bosco-Schule, verabschiedet. Er geht mit Ablauf dieses Schuljahres in den Ruhestand.
Damit hat die Schule im Laufe ihrer Existenz von 1969 bis 2018, also in knapp 50 Jahren, nur drei Rektoren erlebt: Werner Marx (1969 – 1981), Dr. Hermann Vortmann (1982 – 1990), Michael Roters (1991 – 2016). Roters ist derjenige, der am längsten den Chefposten im Schulzentrum am Borkener Damm innehatte. Die letzten zwei Jahre wird Bernhard Manemann-Kallabis die Leitung der Hauptschule neben seinen Aufgaben als Leiter der Gesamtschule wahrnehmen. Das ist aus mehreren Gründen eine sinnvolle Lösung: Zum einen ist die Gesamtschule erst in der Klassenstufe 8, wenn es ins nächste Schuljahr geht, zum anderen ist der Schulleiter im selben Gebäude tätig. Außerdem kann er in der Personalplanung den Einsatz der Lehrkräfte aus beiden Schulen in beiden Schulen vorsehen, also auch schulformübergreifend. 

Die Hauptschule (wie auch die Realschule) ist also in der Schlussphase. Es kommt nun noch darauf an, sie ohne Einbußen für die Schülerinnen und Schüler „nach Hause zu schaukeln“, wie die Vorsitzende des Lehrerrates, Magdalene Kintrup-Schröer, am 1. Juli bei der Abschiedsfeier formulierte.
Ein wichtiges Stück Schulgeschichte Geschers geht mit Michael Roters. Er kam 1977 an die Don-Bosco-Schule, nach der Ausbildung die erste Stelle. Er blieb bis zum Ende seines Berufslebens hier. Als er kam, hatte die Schule über 1.000 Schülerinnen und Schüler. jetzt geht diese Zahl rapide gegen Null. Als die Schule noch alle Klassenstufen (von 5 bis 10) hatte, waren es zuletzt um 300, in den Jahren davor schon stark abnehmend bei nach wie vor stabiler Schülerzahl in der Realschule. Auch in Gescher wurde damit die Hauptschule in Konkurrenz zur Realschule abgehängt, die Eltern wählten sie nicht mehr als Schule für ihre Kinder. Wie an so vielen Orten ging die Realschule auch in Gescher im Wettbewerb um die Schüler als „Sieger“ vom Platz. Wie an so vielen Orten siegte sie sich zu Tode. Ohne Hauptschule ist eine Realschule faktisch die Hauptschule, weil sie viele Schüler aufnimmt, die besser zu einer Hauptschule mit ihrem besonderen Profil gepasst hätten, und weil sie nun keine Schule mehr hat, an die sie die Schüler abschulen kann, die nicht das Gewünschte leisten oder nicht das gewünschte Verhalten zeigen.

Die Kommunalpolitik hat in Gescher klug entschieden, als sie die Situation rechtzeitig erkannte und gegenzusteuern begann. Die Gründung einer vierzügigen Gesamtschule war richtig, besser als die von der Verwaltung favorisierte Sekundarschule, die in etlichen Orten des Münsterlands gewählt wurde und schon (oder noch) mit teils großen Problemen zu kämpfen hat. Die Gesamtschule holt das Abitur nach Gescher, das im Unterschied zum Gymnasium nach neun Jahren abgelegt wird. So haben Geschers Eltern in Bezug auf die Hochschulreife eine echte Wahl: Wer den Turbo-Weg des G 8 (Gymnasium mit Abitur nach acht Jahren) will, hat in Coesfeld oder Stadtlohn das passende Angebot. Wer seinem Kind mehr Zeit lassen will, kann die Schule vor Ort, die Gesamtschule Gescher, wählen. Diese Wahl haben übrigens auch Eltern aus den Nachbarkommunen.

Michael Roters hat in der Entwicklung seiner Schule konkrete Ziele gehabt – realistische und den sich wandelnden Situationen angepasst. Ihm ist es gelungen, hohe Anerkennung bei Schülern, Eltern und Lehrern zu bekommen; das half ihm, bei Schulträger und staatlicher Schulaufsicht Gehör zu finden. Nicht immer, aber oft erfolgreich.