Montag, 12. Juni 2017

Es gab in Deutschland Wernher-von-Braun-Schulen

In Deutschland keine Schule mehr mit dem Namen des Wernher von Braun

Richtig - es gab sie, heute gibt es nämlich keine mehr. 2014 legte die letzte, die Wernher-von-Braun-Schule im hessischen Neuhof,  diesen Namen ab. "Das NSDAP-Mitglied sei 'kein geeignetes Vorbild' für die Schüler." So leitete die Zeitung Der Westen mit einem Zitat des Schulleiters ihren Bericht hierzu ein. Die Schule ist jetzt nach dem Astronomen und Theologen Johannes Kepler benannt.
Und die Süddeutsche Zeitung schreibt zum ehemaligen Wernher-von-Braun-Gymnasium in Friedberg bei Augsburg: "Wernher von Braun hat während des NS-Regimes Schuld auf sich geladen. Doch die Diskussion über die Umbenennung einer Schule in Friedberg dauerte Jahre. Nun distanziert sich der Gymnasiums-Direktor von dem SS-Sturmbannführer und ein neuer Name steht fest." Dieser Artikel ist im Dezember 2013 erschienen.
So beginnt ein Kommentar in der Süddeutschen Zeitung, den zu lesen sich lohnt.

Von Braun-Straßen gab es auch, es gibt immer noch ein paar.

Von-Braun-Straßen wurden natürlich auch umbenannt, in Memmingen, in Fürstenfeldbruck, in Neuhof und weitere. (In Gescher noch nicht.) In diesem Blog haben wir aber das Thema Schule - und so ist interessant zu lesen, was Gymnasiasten aus Bersenbrück unternommen und herausbekommen haben.
Der Stadtrat von Bersenbrück hatte Schüler des örtlichen Gymnasiums gebeten, der Frage nachzugehen, ob der Name des Wernher von Braun für eine Straße tragbar sei. Hier das Ergebnis der Schüler, von dem die Osnabrücker Zeitung berichtet:
"Und die machten ihre Sache gründlich, berichten sie zusammen mit ihrer Lehrerin Gabriele Prell-Grossarth. Sie teilten sich in Gruppen auf, durchleuchteten die Biografie des umstrittenen Ingenieurs Abschnitt für Abschnitt. [...]
Raketen waren seine ganze Leidenschaft. Schon als 13-Jähriger experimentierte der in Posen geborene Wernher von Braun mit ihnen, fanden die Schüler heraus. 1932 beendete er sein Ingenieurstudium in Berlin, promovierte 1934 über Raketentechnik. 1938 trat er der NSDAP bei, 1940 sogar der SS. Geschah das, weil er anders seine Forschung nicht hätte fortführen können, wie er nach dem Krieg erklärte?
Die Schüler finden das Bild eines eiskalten Opportunisten, dem der politische Fahnenwechsel leichtfiel. „Mein Land hat zwei Weltkriege verloren. Diesmal möchte ich auf der Seite der Sieger stehen“, soll er zu seinem Wechsel in die USA nach Kriegsende gesagt haben.
Für die Amerikaner waren moralische Fragen ebenfalls zweitrangig, sie wollten seine einzigartigen Kenntnisse im Raketenbau. Von Braun half beim Bau interkontinentaler Atomraketen und bei der Entwicklung der Saturn-Trägerraketen, die die Mondmissionen der Sechziger- und frühen Siebzigerjahre ins All brachten. Sein Wissen hatte er großenteils in der Nazi-Forschungsstation Peenemünde erworben bei der Entwicklung der Rakete V2. Ihr Einsatz gegen Kriegsende kostet nicht nur Tausende von Menschen das Leben. Gebaut wurde sie von KZ-Häftlingen und Kriegsgefangenen aus dem Lager Dora-Mittelbau. Von 60000 Insassen kamen 20000 zu Tode. Einmal soll von Braun sogar selbst im Konzentrationslager Buchenwald Häftlinge als Arbeiter für die Raketenwerke ausgesucht haben. Unwahrscheinlich, dass er vom menschenverachtenden Umgang mit den Zwangsarbeitern nichts oder kaum etwas mitbekommen hat."

Gescher könnte den eigenen Entscheidungsprozess beschleunigen.

Die Diskussion in den städtischen Gremien  Geschers und die mittlerweile etwas komplexe Beratungsfolge mit hoch komplexer Beschlusslage will ich hier nicht weiter beschreiben, erst recht nicht bewerten. Aber bekannt ist, dass der Bezirksausschuss Hochmoor die Gesamtschule Gescher "beauftragt" hat, solche Recherchen anzustellen, wie die Bersenbrücker Schüler es taten. Nach einem Jahr (!) will man sich mit dem Ergebnis befassen.
Wäre es nicht einfacher, man würde sich die Ergebnisse der Schüler aus Bersenbrück einfach mal schicken lassen? Das ging doch viel schneller. Und nach nunmehr einem halben Jahr seit Stellung des Bürgerantrags käme das Thema vom Tisch, jedes Gescheraner Ratsmitglied kann sich in sechs Monaten eine begründete Meinung bilden und die zugehörige Entscheidung fällen. Daran glaub ich ganz fest.

Montag, 10. April 2017

Wernher von Braun und Giovanni Don Bosco – zwei Namen wurden Anfang der 80-er Jahre vergeben.

Zunächst Don-Bosco-Schule

Erster Durchgang

Eine kleine Zeitreise: Ende der 70-er, Anfang der 80-er Jahre ist ein lebensälterer Priester, Karl Bayer, Kaplan in Gescher (später Pfarrer in Oeding). Er vertritt die beiden katholischen Pfarrgemeinden Geschers im Schulausschuss. Wodurch auch immer ausgelöst – er widmet sich einem seit zehn Jahren nicht gelösten Problem, der Namensgebung der Gemeinschaftshauptschule der Stadt Gescher. Schon 1976 hat diese Schule, einzige Hauptschule in Gescher und eine der größten des Landes NRW, einen Antrag an die Stadt gerichtet, ihr doch bitteschön einen Namen zu geben, zum Beispiel Hamaland-, Freiherr-vom-Stein-, Don-Bosco-, August-Wessing- oder Heinrich-Hörnemann-Schule. Auf Wunsch des Schulausschusses vom 2. November 1977 (!) wird das Lehrerkollegium ebenso wie die Schülermitverwaltung in die Namensberatung einbezogen. Die Schülervertretung votiert für Don-Bosco-Schule, die Lehrervertretung setzt den Heiligen im Mittelfeld auf den dritten Platz.
Dies teilt der Schulleiter am 16. Januar 1978 mit; schon ein Jahr später, am 30. Januar 1979, wird das Thema im Schulausschuss behandelt, obwohl die Verwaltung aus verschiedenen Gründen nicht dafür ist. Kaplan Bayer, beratendes Mitglied, formuliert nun das Votum der Schülerschaft als Antrag. Mit 6 Ja-, 2 Neinstimmen und einer Enthaltung beschließt der Schulausschuss, dem Rat zu empfehlen, die Gemeinschaftshauptschule Don-Bosco-Schule zu nennen. Im Hauptausschuss schon können sich die Fraktionen nicht einigen und setzen den Prozess aus. Karl Bayer schreibt dazu: 
"Eine [...] SPD-Abgeordnete lässt die Katze aus dem Sack: Ein interfraktionelles Abkommen setzt das Verfahren aus. Man befürchte wegen eines katholischen Schulnamens zum gegenwärtigen Zeitpunkt Verluste in der Wählergunst. Mit vorgehaltener Hand wird aus der CDU-Fraktion dies bestätigt: Eine Schultaufe sei derzeit politisch hochexplosiv."

Zweiter Durchgang

Die Leitung der Hauptschule wendet sich im Mai 1980 an den Rat mit der Bitte, "unverzüglich über die Namensgebung zu entscheiden." Mit Schreiben vom 8. Juli 1980 stellt Kaplan Bayer erneut einen Antrag auf Namensgebung zur „Don-Bosco-Schule“, diesmal an den Rat gerichtet, der alles auf Anfang stellt. Ein Bürgerantrag plädiert für „Geschwister-Scholl-Schule“.
Es geht also beim Schulausschuss wieder los. Der spricht sich mit 6 Ja-, 4 Neinstimmen und einer Enthaltung für den Namen „Don-Bosco-Schule“ aus. Ohne weitere Verzögerung geht es jetzt in den Hauptausschuss. Dort stimmt die CDU-Fraktion mit 6 Stimmen für den Antrag, SPD und FDP stimmen mit zusammen 3 Stimmen dagegen, der Zentrumsabgeordnete enthält sich der Stimme. Die CDU verweist auf Eltern- und Schülerwillen, die SPD hält den Pflichtnamen „Gemeinschaftsschule Gescher“ für angemessen, da er die Interessen aller Konfessionen berücksichtige; der Fraktionsvorsitzende der FDP meint, nach Don Bosco könne man ein Kloster, aber keine Schule benennen.
Vor der Ratssitzung erscheinen Leserbriefe aus CDU, SPD und FDP, von den beiden Letzteren gegen die Umbenennung in „Don-Bosco-Schule“.  Unter anderem wird wieder auf die „Gemeinschafts“-Funktion der Gemeinschaftsschule hingewiesen. Im Rat wird die Diskussion kontrovers weitergeführt. Mit den Stimmen der CDU, gegen 12 Nein-Stimmen bei einer Enthaltung, passiert Bayers Antrag am 29. Oktober 1980 den Rat. Am 31. Oktober schreibt die Gescherer Zeitung: „Nach kontroverser Diskussion: ‚Don-Bosco-Schule‘“.
Ganz zu Ende ist die Angelegenheit damit noch nicht. Mit über 40 Unterschriften erreicht ein Bürgerantrag den Bürgermeister, den Beschluss vom 29. Oktober zu überdenken. Der Name Don Boscos betone eine einseitige Ausrichtung des katholischen Bildungswillens. Mit dem gleichen Stimmenverhältnis wie beim Antrag Bayers weist der Hauptausschuss eine erneute Behandlung des Themas ab. Dem folgt auch der Rat im Januar 1981.

Von der Realschule war in dem ganzen Zusammenhang fast nie die Rede. Sie blieb die Städtische Realschule Gescher.


Karnevalshochburg Gescher

Und dann war da noch der Karnevalsumzug 1981: Das Kollegium der Schule fährt auf einem Wagen mit, der die Aufschrift trägt:
Von hoher Stelle ruft ein Bayer: 
„Den Geist der Schule ich erneuer.“
Die Schule hat nun einen Namen.
Don-Bosco heißt sie: Amen! Amen!
Das war nun wirklich der Schlusspunkt.

Josef Sicking blickt weit in die Zukunft.

Der Stadtverordnete Josef Sicking bewies in der Hauptausschusssitzung prophetische Gaben. Die Gescherer Zeitung berichtete am 16. Januar 1981:
"CDU-Stadtvertreter Josef Sicking forderte, dass der gefasste Ratsbeschluss akzeptiert werden sollte. Bei der Namensgebung für Straßennamen könnten ähnliche Probleme auftreten, meinte Sicking weiter." 
Das verwies dann schon ins Jahr 2016.

Und nun zur Wernher-von-Braun-Straße

Womit wir also bei Wernher von Braun, der nach ihm benannten Straße und meinem Antrag zur Umbenennung dieser Straße wären.
Hier können wir uns kurzfassen: Nur wenige Tage nach der zuletzt erwähnten Hauptausschusssitzung, nämlich am 28. Januar 1981, geht es im Bau- und Planungsausschuss um die Benennung von Straßen in Gewerbegebieten. Ein Unterausschuss erarbeitet einen Vorschlag mit Wernher von Braun und etlichen anderen Pionieren, die teils ebenso wie dieser NS-belastet sind. Es kommt auch nicht annähernd zu Diskussionen wie bei der Benennung der Hauptschule.

Merke: Einen Heiligen ins Schulschild zu bekommen war viel schwerer und dauerte sehr viel länger als einen Kriegsverbrecher auf das Straßenschild.

Mein Vorschlag: Lasst die Finger von Personennamen bei solchen Benennungen. Ganz selten taugen ihre Träger als Vorbilder, und wenn, dann haben die Schulen meistens nicht viel davon. Ich weiß, wovon ich rede, wenn ich sage, dass ein Bezug auf den zweifelsohne verdienstvollen Priester Giovanni Don Bosco in der Erziehungs- und Bildungsarbeit der Schule keine nennenswerte Rolle spielte. Ebenso wenig wird Wernher von Braun den Anliegern „seiner“ Straße in irgendeiner Weise Intuition verliehen haben.
Bleibt noch anzufügen: Ich halte die Argumente der Gegner der Benennung einer Gemeinschaftsschule mit einem konfessionellen Schwerpunkt für durchaus seriös. 


Sonntag, 19. März 2017

Anmeldungen zu weiterführenden Schulen in Coesfeld

Alle Jahre wieder ...

... klopft sich Coesfeld auf die Schulter:
"Zugelegt haben - wie schon im Vorjahr - die beiden Realschulen. Die Freiherr-vom Stein-Realschule hat sogar so viele Anmeldungen, dass sie im nächsten Schuljahr mit fünf Klassen startet." (Allgemeine Zeitung vom 11. März 2017)
Der Leser und die Leserin reiben sich verwundert die Augen. Schaut man sich die Tabelle an, dann hat die Freiherr-vom-Stein-Realschule zwar 117 Anmeldungen in 2017 und 101 in 2016, also 16 Schüler gewonnen. Die Theodor-Heuss-Schule hingegen verliert 15 Schüler, von 115 im letzten auf 100 in diesem Jahr. Das macht erstens nur einen "Gewinn" von exakt einem Schüler, zweitens haben erst recht nicht beide Realschulen zugelegt. Es handelt sich einfach um eine Verschiebung.
 Richtig ist allerdings, dass die Schulform Realschule im Rahmen des gegliederten Schulwesens besser dasteht als die Hauptschule. In Coesfeld gibt es für die Hauptschule 33 Anmeldungen in diesem, 32 im letzten Jahr. Auch hier also ein "Gewinn" von einem Schüler. Und die Gymnasien? Die verlieren Anmeldungen, von 257 im vergangenen Jahr auf 241 in diesem. Ein "Verlust" von 16 Schülern.
Schaut man sich die Verteilung auf die Schulformen an, findet man von den 491 angemeldeten Schülern
  •   33 in der Hauptschule ( 7 %)
  • 217 in der Realschule   (44 %)
  • 241 im Gymnasium      (49 %)
Und die Vergleichszahlen für 2016:
  •   32 in der Hauptschule (  6 %)
  • 216 in der Realschule    (43 %)
  • 257 im Gymnasium       (51 %)
Also: Wenig Bewegung - zumindest in den Prozentzahlen. Unser Schulsystem räumt den Eltern das Recht ein, ihr Kind an der Schule ihrer Wahl anzumelden. Würde man die Leistungen der Hauptschüler, der Realschüler und der Gymnasiasten als Kurve darstellen, erhielte man die in der Wahrscheinlichkeitsrechnung bekannte Glockenform. Würde man sie in ein Koordinatenkreuz einzeichnen, könnte man Überlappungen feststellen, die sehr weitreichend sind: Im Gymnasium, erst recht in der Realschule, fände man Schüler mit Leistungen auf dem Hauptschulniveau, in der Hauptschule, erst recht in der Realschule, solche mit gymnasialem Niveau. Dies ist in den PISA-Studien immer wieder belegt worden. (Z. B.: Beste Hauptschüler können genauso gut lesen wie schlechte Gymnasiasten.)

Oder aus dem Handbuch der Schulforschung von Horstkemper/Tillmann:
Diese Grafik ist einige Jahre alt, aber im Grundsatz spiegelt sie wider, dass die Leistungen der Schüler nach Schulform nicht trennscharf sind.
Angesichts der Schwäche der Hauptschule muss man davon ausgehen, dass die Schülermischung in Realschulen und Gymnasien sich nicht oder kaum mehr von anderen Zwei-Säulen-Modellen unterscheidet, z. B. Gesamtschule/Gymnasium in verschiedenen Bundesländern oder Stadtteilschule/Gymnasium in Hamburg.
Der Dezernent Dr. Robers wird in der Allgemeinen Zeitung so zitiert:
"Insofern hat sich das dreigeteilte Schulsystem aus Hauptschule, Realschule und Gymnasium bestätigt." 
Das geht nun allerdings an der Wirklichkeit vorbei. Es handelt sich um ein Schulsystem, das letztlich ein Zwei-Säulen-System aus Gymnasium und Realschule ist, wobei sich in der Realschule die Schüler mit einem Leistungsprofil sammeln, die vor Jahrzehnten die Hauptschule besuchten. Und in der Folge wird die Querverschiebung einschließlich der Leistungsprofile zum Gymnasium durchgereicht, so dass hier mittlerweile fast 50 % der Anmeldungen zu finden sind.
Das Einzugsgebiet ist nicht nur Coesfeld, sondern auch Gescher, Reken, Rosendahl, Billerbeck und mehr. In diesen Orten gibt keine Hauptschule, keine Realschule mehr, die Schüler in die fünfte Klasse aufnehmen könnten, und nur in Reken existiert noch ein Gymnasium, das private der Marianhiller Missionare. Aus all diesen Orten drängt es also nur Eltern von 33 Schülern, ihre Kinder an einer Hauptschule anzumelden. Und wahrscheinlich drängt es sie nicht, sondern sie tun es mangels Alternative. Ich kann es nur wiederholen: Die Hauptschüler sind die Verlierer des "drei"-gliedrigen Systems. Und damit auch die beiden anderen Schulformen, die jetzt Schüler unterrichten, die nicht zu ihrem Profil, zu ihren Bildungsplänen und -zielen passen.

Mich würde interessieren, in welchen Coesfelder Schulen prozentual die meisten Kinder mit Migrationshintergrund sind, besonders auch, wo die meisten Flüchtlingskinder unterrichtet werden. Könnte es sein, dass hier die Hauptschule einen ersten Platz belegt?
Schul-

–www

Montag, 27. Februar 2017

Schul-Leben, Schulgeschichte konkret erlebt

Der Werbeblockg

Es sei mir erlaubt, auch an dieser Stelle auf mein Buch Schul-Leben hinzuweisen. Es ist vor zwei Wochen im agenda-Verlag in Münster erschienen. Ich beschreibe darin, wie sich die Schule in Nordrhein-Westfalen in den Jahren zwischen 1950 und 2010 verändert hat. Es ist kein Fachbuch für Fachleute, sondern ein erzähltes Leben aus der Sicht des Schülers in Volksschule und Aufbaugymnasium, aus der Sicht des Studenten, des Lehrers und Lehrerausbilders, aus der Sicht des Schulleiters und Schulaufsichtsbeamten, zuletzt aus der Perspektive des Schuldezernenten der katholischen Schulen in Hamburg. Meine eigene Biographie hat den Anstoß für dieses Buch gegeben, wenn auch vieles fiktiv ist - Namen, konkrete Ereignisse, geographische Lagen und mehr.
Weil jeder von uns die Schule aus eigenem Erleben kennt, ist es bestimmt interessant, zu lesen, wie die Schule nicht nur aus der Warte der Schüler, sondern auch aus der Innensicht der Profis aussieht.

So fängt es an.


Und so hört es auf.


Dazwischen liegt das ganze Schulleben.


Wenn ich Ihr Interesse geweckt habe: 

ISBN 978-3-89688-569-2, 182 Seiten, 2017





Montag, 6. Februar 2017

Bekenntnisschule oder Gemeinschaftsschule? Das Beispiel Lette

In der Lokalzeitung konnte man über lange Zeit den Konflikt verfolgen, der zwischen den Eltern der katholischen Grundschule in Coesfeld-Lette ausgetragen wurde: Soll unsere Grundschule eine katholische Bekenntnisschule bleiben oder eine Gemeinschaftsschule werden? Vor zwei Jahren wurden in Gescher die Pankratiusschule und die Schule auf dem Hochmoor ziemlich geräuschlos umgewandelt.

Rechtlicher Rahmen

Schauen wir einmal genauer hin: Das Schulrecht in Nordrhein-Westfalen sieht nur für zwei Formen öffentlicher Schulen die Schulart Bekenntnisschule vor, für Grundschulen und für Hauptschulen. Das hängt mit der Geschichte zusammen. Sie entstammen der früheren Volksschule; aus den damaligen Klassen 1 bis 4 entstand 1968 die Grundschule, aus den Klassen 5 bis 8 (oder 9) die Hauptschule. Die Volksschulen waren überwiegend Bekenntnisschulen, oft war der Schuleinzugsbereich identisch mit dem Gebiet einer Pfarrgemeinde. Nach der Schulreform 1968 sollte es diese Möglichkeit auch weiterhin geben.
Heute sagt die Landesverfassung im Artikel 12 Abs. 3 über die Grundschule:
„(3) In Gemeinschaftsschulen werden Kinder auf der Grundlage christlicher Bildungs- und Kulturwerte in Offenheit für die christlichen Bekenntnisse und für andere religiöse und weltanschauliche Überzeugungen gemeinsam unterrichtet und erzogen.
In Bekenntnisschulen werden Kinder des katholischen oder des evangelischen Glaubens oder einer anderen Religionsgemeinschaft nach den Grundsätzen des betreffenden Bekenntnisses unterrichtet und erzogen.“
Und in Artikel 13 heißt es:
„Wegen des religiösen Bekenntnisses darf im Einzelfalle keinem Kinde die Aufnahme in eine öffentliche Schule verweigert werden, falls keine entsprechende Schule vorhanden ist.“
Diese Vorschrift stellt sicher, dass jedes Kind eine Beschulung in angemessener Entfernung von seinem Elternhaus erfahren kann, unabhängig von seinem Bekenntnis.
Schauen wir auch in das Schulgesetz. Da ist der § 26 (Schularten) entscheidend:
„(1) Grundschulen sind Gemeinschaftsschulen, Bekenntnisschulen oder Weltanschauungsschulen. Hauptschulen sind in der Regel Gemeinschaftsschulen.
(2) In Gemeinschaftsschulen werden die Schülerinnen und Schüler auf der Grundlage christlicher Bildungs- und Kulturwerte in Offenheit für die christlichen Bekenntnisse und für andere religiöse und weltanschauliche Überzeugungen gemeinsam unterrichtet und erzogen.
(3) In Bekenntnisschulen werden Kinder des katholischen oder des evangelischen Glaubens oder einer anderen Religionsgemeinschaft nach den Grundsätzen des betreffenden Bekenntnisses unterrichtet und erzogen. Zum evangelischen Bekenntnis im Sinne dieser Vorschrift gehören auch die bekenntnisverwandten Gemeinschaften.
(4) In Weltanschauungsschulen werden die Schülerinnen und Schüler nach den Grundsätzen ihrer Weltanschauung unterrichtet und erzogen. An Weltanschauungsschulen wird Religionsunterricht nicht erteilt.
(5) In Gemeinden mit verschiedenen Schularten können die Eltern die Schulart zu Beginn jedes Schuljahres wählen. Der Wechsel in eine Schule einer anderen Schulart ist während des Schuljahres nur aus wichtigem Grund zulässig. Schülerinnen und Schüler einer Minderheit können die Schule einer benachbarten Gemeinde besuchen, falls in ihrer Gemeinde die gewünschte Schulart nicht besteht.
(6) In Schulen aller Schularten soll bei der Lehrereinstellung auf die Konfession der Schülerinnen und Schüler Rücksicht genommen werden. An Bekenntnisschulen müssen 1. die Schulleiterin oder der Schulleiter und 2. die übrigen Lehrerinnen und Lehrer dem betreffenden Bekenntnis angehören. Sie müssen bereit sein, im Sinne von Absatz 3 Satz 1 an diesen Schulen zu unterrichten und zu erziehen. Zur Sicherung des Unterrichts sind Ausnahmen von Satz 2 Nummer 2 zulässig.                                                                                                             
(7) An einer Bekenntnisschule mit mehr als zwölf Schülerinnen und Schülern einer konfessionellen Minderheit ist eine Lehrerin oder ein Lehrer des Bekenntnisses der Minderheit einzustellen, die oder der Religionsunterricht erteilt und in anderen Fächern unterrichtet. Weitere Lehrerinnen und Lehrer des Bekenntnisses der Minderheit sind unter Berücksichtigung der Zahl der Schülerinnen und Schüler der Minderheit und der Gesamtschülerzahl der Schule einzustellen.“

Was heißt das für die Praxis?

Interessant sind die Absätze 6 und 7. In Absatz 6 wird zwar grundsätzlich vorgeschrieben, dass Schulleiter bzw. Schulleiterin und Lehrkräfte dem entsprechenden Bekenntnis angehören müssen, dass zur Sicherung des Unterrichts aber Ausnahmen bei der Besetzung der Lehrerstellen möglich sind.
Dagegen finden wir in der Allgemeinen Zeitung vom 1. Februar 2017: „Damals war genauso ein Fall (die Ablehnung der Einstellung einer evangelischen Lehrerin - HV) der Auslöser für die Diskussion: die Schulleiterin musste die Bewerbung einer Lehrerin ablehnen – weil diese evangelisch war. Eine Umwandlung hätte eine größere Gerechtigkeit bei der Einstellung von Lehrern zur Folge gehabt. „Ich muss nun weiterhin Lehrer aussortieren, wenn die Konfession nicht passt“, so Schulleiterin Schäfer. „Ebenso wie ich katholische Schüler bevorzugt aufnehmen müsste, wenn wir zu viele Anmeldungen hätten.“ Vor dem Hintergrund des Gesetzestextes ist das zumindest etwas vereinfacht dargestellt. Wenn der Unterrichtsbedarf sonst nicht gedeckt werden kann, ist eine Einstellung in einem anderen Bekenntnis zulässig. Der Absatz sieben schreibt dies sogar vor, wenn – und davon ist in Lette auszugehen – mehr als zwölf evangelische Schülerinnen und Schüler an der katholischen Grundschule vorhanden sind. Wichtig: Nicht nur eine entsprechende Lehrkraft für den evangelischen Religionsunterricht muss dann eingestellt werden, sondern weitere evangelische Lehrkräfte sind einzustellen.   
Aus der rechtlichen Sicht gibt es eine wirkliche Begrenzung nur bei der Besetzung der Schulleiterstelle. Insofern ist – wenn die Zeitung korrekt berichtet hat – etwas vereinfacht argumentiert worden.

Fazit

Das Ergebnis des Verfahrens ist richtig, weil man unterstellen kann, dass ein gesetzlich vorgeschriebenes Verfahren richtig durchgeführt wurde. Dennoch bleiben einige Fragen zu besprechen:
  • Worin besteht der Unterschied zwischen einer Erziehung nach katholischen Grundsätzen und einer Erziehung nach evangelischen Grundsätzen? Sicherlich werden Gottesdienste in der Schulgemeinschaft verschieden aussehen. Es gibt auch Unterschiede im Schulleben – ein Namenstag der Franziskusschule am 4.Oktober, der Marienschule am 12. September … Aber würde eine Streitschlichtung, eine freundliche Zuwendung, eine Ermutigung von der Konfession bestimmt?
  • Haben sich seit der Zeit der Volksschule die Verhältnisse nicht soweit verändert, dass es kaum noch Gebiete und Orte gibt, die ein ganz überwiegendes konfessionelles Übergewicht erkennen lassen?
  • Wird der Status „Bekenntnisschule“ nicht missbraucht, wenn bei einem Nebeneinander von Bekenntnis- und Gemeinschaftsschule die Muslime sich ganz überwiegend in der Gemeinschaftsschule wiederfinden? Es ist kein Geheimnis, dass deutsche Eltern ihre Kinder in solchen Fällen gerne an der Bekenntnisschule anmelden.


Meine Meinung

Man sollte keinen Kulturkampf daraus machen. Wie in anderen Institutionen auch dürfen Kinder in der Schule erleben: Es gibt katholische, evangelische, muslimische und auch konfessionslose Kinder, es gibt behinderte und nichtbehinderte Kinder, es gibt Kinder, die aus Deutschland stammen und solche, die aus anderen Ländern stammen.

Ein Kompliment an die Schulszene der Grundschulen in Gescher: Es gibt eine katholische Grundschule, die schwerpunktmäßig auch die Kinder aufnimmt, die noch Deutsch lernen müssen, und es gibt eine Gemeinschaftsschule mit zwei Standorten, die alle Kinder unabhängig von der Konfession aufnimmt. Über die Anmeldung entscheiden im Rahmen der vom Schulträger festgelegten Zügigkeit die Eltern.