Montag, 14. November 2016

Ein Thema eskaliert: G8 oder G9 am Gymnasium

Informationen und Gedanken zu einer langen Streitgeschichte

Seit wann und warum ein Jahr weniger gymnasiale Schulzeit?

Im Jahr 2000 wurden in Deutschland erstmals die Ergebnisse eines PISA-Tests veröffentlicht. PISA war und ist ein Test, den die OECD (Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung) in ihren Mitgliedsstaaten regelmäßig durchführt. (Wir merken uns an dieser Stelle schon einmal, dass es sich um eine Organisation mit wirtschaftlichen Interessen handelt.) „PISA“ ist eine Abkürzung für „Programme for International Student Assessment“ – „Programm zur internationalen Bewertung von Schülern“.  Gemessen wurden Leistungen von Schülern in der Sekundarstufe I (Klassen 5 bis 10). Die Gebiete, die getestet wurden, waren
  •          mathematisches Grundverständnis,
  •          naturwissenschaftliches Grundverständnis,
  •          Lesekompetenz und
  •         fächerübergreifende Kompetenzen.

Fächer, die zu einer guten Bildung dazugehören wie Musik, Kunst, Literatur, Religion, Geschichte, Politik und mehr – kurz der musische, der gesellschaftswissenschaftliche, erst recht der geisteswissenschaftliche Bereich – fehlten und fehlen auch heute noch vollständig.
Die Ergebnisse deutscher Schüler lagen überwiegend im (unteren) Mittelfeld, teils hinter Staaten, von deren besonderen Leistungen im Bildungsbereich man noch nicht gehört hatte. Skandinavische Länder waren ziemlich weit oben im Ranking vertreten – allen voran Finnland.
Die Öffentlichkeit und die Medien verkürzten die Informationen über die PISA-Ergebnisse zu der Botschaft, dass das deutsche Bildungssystem schlecht sei, und flugs reagierte die Politik auf die nationale Erregung. Über die Kultusministerkonferenz wurden etliche Maßnahmen beschlossen und flott umgesetzt: Nationale Untersuchungen zur Schulleistung, auch in der Grundschule, Verabschiedung von Bildungsstandards und zentralen Anforderungen für das Abitur, Einführung von zentralen Lernstandserhebungen – und auch Verkürzung der Schulzeit bis zum Abitur.

Bessere Leistungen durch weniger Schulzeit?

Wohl kaum, aber ein Effekt sollte ja auch sein, dass die Abiturienten ein Jahr früher in die Ausbildung und in den Beruf kommen. Nur: Die Abiturienten entwickelten andere Vorstellungen. Sie arbeiten im Bundes-Freiwilligen-Dienst (Bufdi), sie gehen als Missionarinnen auf Zeit nach Venezuela und was es sonst noch gibt, um sich in der Welt umzuschauen.
Nordrhein-Westfalen hat sich anders verhalten als andere Bundesländer: In Hamburg zum Beispiel dauert die Sekundarstufe I an Gymnasien wie an Gesamtschulen 6 Jahre, von Klasse 5 bis Klasse 10. Die gymnasiale Oberstufe dauert zwei Jahre (Sekundarstufe II). In Nordrhein-Westfalen dauert sie drei Jahre, dafür ist die Sekundarstufe I (nur) an Gymnasien ein Jahr kürzer, sie geht von der 5. bis zur 9. Klasse. In Hamburg wie in NRW trägt die Sekundarstufe I einen Teil der Last der Schulzeitverkürzung in den Gymnasien, in Nordrhein-Westfalen aber deutlich mehr. Weil für die jeweiligen Fächer und ihre Abschlüsse die zu absolvierenden Stunden Unterricht festgelegt sind, müssen die jüngeren Schüler mehr Stunden absolvieren.
Eltern und Kinder klagen über ausgebuchte Schultage, wenig Zeit für Freizeitaktivitäten, wenig Zeit, um Freunde zu treffen.
Seit der Einführung im Jahre 2005 kommt die Diskussion nicht zur Ruhe, sowohl um die Frage, wo die Kürzung stattfinden soll, in der Sekundarstufe I oder in der Sekundarstufe II, als auch generell um die Frage nach acht oder neun Schuljahren. Es gibt schon verschiedene Ansätze, Einzelschulen die Entscheidung für G8 oder G9 zu überlassen, die allerdings die Schwierigkeiten einer erneuten Umstellung vermeiden wollen. Während einige Länder G9 überhaupt nicht eingeführt hatten (Rheinland-Pfalz), sind andere auf dem vollständigen Rückzug von G8 nach G9 (Niedersachsen). Und wieder andere hatten nie G9 (Thüringen), G8 war in der DDR Standard.

NRW: G8 an Gymnasien, G9 an Gesamtschulen

In NRW und einigen anderen Bundesländern gilt die verkürzte Schulzeit nur für Gymnasien, nicht für Gesamtschulen. Wenn jetzt also die FDP in Nordrhein-Westfalen fordert, den Gymnasien die Entscheidung darüber zu überlassen, ob sie das Abitur nach acht oder neun Jahren vergeben wollen, haben die Eltern (und Schüler) diese Möglichkeit jetzt schon. Wer das Abitur nach acht Jahren wünscht, kann das am Gymnasium realisieren, wer es nach neun Jahren wünscht, kann eine Gesamtschule besuchen.

Vorschläge aus der Politik

G8 behalten und verbessern

So sah die überwiegende Meinung bis vor kurzem noch aus. Die am Runden Tisch der Schulministerin versammelten Vertreter von Eltern, Lehrern, Verbänden und mehr waren sich da weitgehend einig. Vor allem die Schulen selbst scheuen die mit einer Rückabwicklung verbundenen Schwierigkeiten.

Zurück zu G9

Das wollen mittlerweile Landeselternschaft und Bürgerinitiativen. Dagegen sind Unternehmer.

Wahlfreiheit für die Schulen

Schon 2010 hatte die Schulministerin Löhrmann den Schulen freigestellt, zu G9 zurückzukehren. Landesweit hatten nur sechs Gymnasien von dieser Möglichkeit Gebrauch gemacht. Heute ist die FDP dafür, dieselbe Partei, die sich bei der Einführung von G8 vehement für die Schulzeitverkürzung eingesetzt hatte. Ähnliches will die CDU, dabei die Sekundarstufe I wieder auf sechs Jahre ausweiten und die Oberstufe auf zwei oder drei Jahre, je nach Konferenzbeschluss der Schule festlegen. Auch die CDU revidiert damit die Änderungen, die sie bei Regierungsantritt seinerzeit mit der FDP vorgenommen hatte.

Wahlfreiheit für jeden Schüler

In den Regierungsparteien gibt es Überlegungen, G8 und G9 zu ermöglichen, und zwar indem man die Sekundarstufe I auf sechs Jahre verlängert und in der Oberstufe die Wahlmöglichkeit eröffnet, das Abitur nach zwei oder drei Jahren abzulegen. Das würde eine Individualisierung der Schullaufbahn bedeuten, mit der Folge, dass die Leistungsbreite im Gymnasium noch weiter auseinanderklafft, die jetzt schon bei einer Übergangsquote (von der Grundschule zum Gymnasium) von über 40 % enorm ist. Die Unterschiede zur Gesamtschule würden noch mehr schwinden.

Fazit

Die Situation ist unübersichtlich. Wonach soll man sich richten? Nach den Wünschen der Eltern, die überwiegend G9 wieder haben wollen? Nach den Bedürfnissen der Schulen, denen Kontinuität wichtiger ist als immer wieder Veränderung? In den Vorstellungen der Parteien ist zu erkennen, dass die eierlegende Wollmilchsau die Wählerstimmen bringen soll. - Wir werden sehen.


Sonntag, 30. Oktober 2016

Das kann man so nicht sagen.


Ein paar Fakten, wie ich sie sehe

Frau Kucharz geht in den Ruhestand. Es ist kein Geheimnis, dass wir beide unterschiedliche Ansichten hatten, was die schulische Entwicklung in Gescher anging und angeht.
Nun hat die Gescherer Zeitung ein Interview mit ihr abgedruckt, das den Blick zurück und den nach vorn widergeben soll. Weit davon entfernt, Frau Kucharz zum Abschied nicht die berechtigte und notwendige Würdigung zuteilwerden zu lassen, sollte doch die Faktenlage klar sein. Deshalb hier ein paar Anmerkungen zum Teil „Bildung“ und „Schule“ im Gespräch zwischen Herrn Schroer und Frau Kucharz, das in der Ausgabe vom 29. Oktober 2016 veröffentlicht wurde (s. Ausriss im Kasten).
Aus der Gescherer Zeitung vom 29. Oktober 2016
Da leitet der Redakteur seine Frage mit einer Aussage ein: „Die erfolgreiche Weiterentwicklung der Schul- und Bildungslandschaft fällt in Ihre Zuständigkeit und trägt Ihre Handschrift.“

Kindertagesstätten

Schauen wir uns diese Behauptung etwas genauer an. Zur Bildungslandschaft zählt mehr als die Schulen, auch die Kitas darf man getrost dazurechnen. Ich kann nicht erkennen, was hier mehr geschehen ist, als dass das der Ortsverband des Deutschen Roten Kreuzes, dem Frau Kucharz vorsteht, die Trägerschaft von zwei Kindergärten übernommen hat. Der Standort des letzten war politisch zunächst umstritten, nun ja. Aber wo ist hier der Mehrwert? Der Kindergarten „St. Pankratius“ in kirchlicher Trägerschaft wurde geschlossen, die „Bunte Welt“ in Trägerschaft des DRK wurde eröffnet. Und ist das der Ersten Beigeordneten Kucharz oder der Vorsitzenden des DRK-Ortsvereins Kucharz zuzurechnen?

Offene Ganztagsgrundschule

Schauen wir in die Grundschulen. Hier ist es ähnlich. Die Betreuungsmaßnahmen der Offenen Ganztagsschule an der Von-Galen-Schule werden ebenfalls vom DRK-Ortsverein getragen. Auch hier wäre Frau Kucharz eher in ihrer Funktion als Vorsitzende dieses Vereins denn als Erste Beigeordnete zu nennen.

Grundschulverbund Pankratiusschule

Eine wesentliche schulorganisatorische Entscheidung war allerdings die Zusammenführung der beiden ehemals selbständigen Grundschulen – Pankratiusschule und Schule auf dem Hochmoor – zu einem Schulverbund. Die Schulaufsicht, also das Land, hat dieses Modell zum Erhalt gefährdeter Grundschul-Standorte vorgesehen und darauf gedrängt, diese Verbünde zu schaffen. Der Standort Hochmoor wurde damit auf absehbare Zeit gesichert. Der Einsatz von Lehrkräften, gegenseitige Vertretungen, Kooperationen überhaupt wurden erleichtert. Der Umstand, dass die beiden Standorte so weit auseinanderliegen, relativiert diese positiven Effekte; um die Vorteile einer flexiblen Klassenbildung zu nutzen, müsste der Schulbusverkehr ausgeweitet werden.

Gesamtschule

Kommen wir nun zur Sekundarstufe I und II, also den Klassen 5 bis 13. Die Gründung der Gesamtschule und die damit verbundene Auflösung von Real- und Hauptschule kann man Frau Kucharz nur insoweit zurechnen, als sie die Beschlüsse der Kommunalpolitik ausgeführt hat. Sie hat sie gewiss nicht angestoßen oder vorgedacht. Frau Kucharz musste hier zum Jagen getragen werden, um es vorsichtig auszudrücken.
Ich habe ihr anlässlich der Feierstunde zum 100-jährigen Jubiläum der Pankratiusschule im August 2010 gesprächsweise vorgetragen, dass die Hauptschule in Gescher wie landesweit wegen des demographischen Wandels und wegen des sich rasant ändernden Schulwahlverhaltens nicht zukunftsfähig sei. Man müsse sich frühzeitig um eine örtliche Schulstruktur bemühen, die dieses Problem lösen könne. Frau Kucharz stritt dies mit Verweis auf den eigenen Schulentwicklungsplan ab. Danach sei die Existenz der örtlichen Hauptschule noch über etliche Jahre hinweg gesichert. (Dabei waren die Zahlen schon zu diesem Zeitpunkt obsolet.)
Die Kommunalpolitik, hier ist zunächst der Vorsitzende der CDU-Fraktion Egbert Kock zu nennen, aber auch die Programme von SPD und Grünen, zielten schon früh auf einen integrativen Ansatz, der mehr Schüler als bisher dauerhaft an Gescher zu binden versprach. Als erstes die SPD, dann auch die CDU, luden mich ein, über Möglichkeiten der Schulstruktur in der Sekundarstufe I (Klassen 5 bis 10) in Gescher zu informieren. Dem kam ich gerne nach.
Der Schulausschuss beschloss eine Neuordnung der Sekundarstufe I. Für die Erarbeitung der Gestaltung dieser Neuordnung wurde unter anderem eine Steuergruppe eingerichtet, deren Mitglied ich durch Beschluss des Schulausschusses wurde. Daneben gab es eine Arbeitsgruppe, die im Wesentlichen aus Schulleitungen und Lehrern von Haupt- und Realschule bestand. Im Zuge des landespolitischen Schulkompromisses boten sich zwei mögliche Schulformen an: Die Sekundarschule mit den Klassen 5 bis 10 und der Kooperation mit einer gymnasialen Oberstufe außerhalb von Gescher einerseits, die Gesamtschule mit den Klassen 5 bis 13 andererseits. Letzteres bedeutete, in Gescher erstmalig eine Abituroption anzubieten – ein für die Stadtentwicklung nicht zu unterschätzendes Pfund. Die Gesamtschule wurde letztlich von der Arbeitsgruppe vorgeschlagen, die Steuergruppe stimmte zu. Parallel dazu gab es Informationsveranstaltungen für Eltern der Grundschüler, die erste von den Elternvertretungen der drei Grundschulen selbst organisiert, weil die Stadtverwaltung eine Befragung der Erziehungsberechtigten ohne vorherige Information für sinnvoll hielt. Ich wurde gebeten, die Moderation zu übernehmen und folgte dieser Bitte auch. Es gab anschließend Befragungen der Eltern durch ein Bonner Institut mit dem Ergebnis, dass integrative Systeme an erster Stelle standen, letztlich gerade auch die Gesamtschule. Während des ganzen Prozesses war zu erkennen, dass sich der Verwaltungsvorstand weder mit dem Prozess noch mit dem Ergebnis anfreunden konnte. Frau Kucharz hatte sich gleich zu Beginn des Prozesses im Ausschuss für den Erhalt des gegliederten Angebots eingesetzt. Ein erster Vorschlag der Verwaltung sah eine sechszügige Gesamtschule mit horrenden Investitionen vor, wohl zur Abschreckung gedacht. Immer wieder wurde als Alternative eine Sekundarschule ins Spiel gebracht. Die Kommunalpolitik folgte jedoch nach einer weiteren Informationsveranstaltung und einer weiteren Befragung dem klar erkennbaren Elternvotum und beschloss, bei der Bezirksregierung die Errichtung einer Gesamtschule zu beantragen.

Bis heute wird immer mal wieder, auch von der Verwaltung, von den hohen Investitionen in die Gebäude des Schulzentrums gesprochen, oft mit dem Hinweis, diese Kosten seien durch die Entscheidung für eine Gesamtschule verursacht worden. Das ist Unsinn. Steine, die aus der Fassade fallen, dürfen auch keine Hauptschüler verletzen, und das Brandschutzkonzept wäre auch für die Realschüler zu verwirklichen gewesen, die Barrierefreiheit ist der Inklusion von Körperbehinderten geschuldet. Die einzige Investition für die Gesamtschule, die zusätzlich zu den „Ohnehin-Kosten“ getätigt werden muss, ist die Ausstattung mit Lehr- und Lernmitteln für die gymnasiale Oberstufe; die Räume sind auch hierfür schon vorhanden. 

Fazit

Nein, die Schullandschaft Geschers ist durch Frau Kucharz nur in Grenzen positiv geprägt worden. Mir ist wichtig, zu betonen, dass meine Hinweise sich nur auf den Bildungsbereich beziehen, andere Aufgabengebiete lagen ihr sicher mehr. Vielleicht kommen wir bei Gelegenheit auch noch einmal ins Gespräch. Ich wünsche ihr jedenfalls Erholung von den Strapazen der letzten Jahre und eine gute und erfüllte Zeit.

Mittwoch, 7. September 2016

Ein Handbuch - auch für die Schulpraxis

Fuest, Ada/John, Friedel/Wenke, Matthias (Hrsg.): Handbuch der individualpsychologischen Beratung in Theorie und Praxis. Zusammenhänge erschließen – Horizonte öffnen. Waxmann Münster New York 2014. 488 Seiten. 59,90 €

Diesmal etwas für diejenigen, die - ob als Pädagogen oder in anderen sozialen Berufen - mit Beratung zu tun haben. Ich habe die folgende Rezension für die Zeitschrift engagement - Zeitschrift für Erziehung und Schule verfasst. Sie ist im Heft 1/2015, S. 56 f erschienen.

"Die Herausgeber haben sich viel vorgenommen: Es geht um ein „solides Fundament für die individualpsychologische Beratung in Theorie und Praxis“. Als Adressaten nehmen sie dabei in erster Linie Berater und Therapeuten, aber auch Studenten, Erzieher, Lehrer, Ausbilder, Juristen, Theologen – kurz eigentlich alle sozialen Berufe bis hin zu Managern und Führungskräften in den Blick; gleichzeitig  sollen es auch potentielle Klienten lesen können. Damit werden sehr unterschiedliche Vorbedingungen ins Auge gefasst, unterschiedliche Berufsfelder, unterschiedliche Kenntnisse, unterschiedliche Aufgaben. Der Charakter des Werkes als Handbuch kommt dem entgegen, handelt es sich doch um eine Sammlung von Kapiteln, die für sich lesbar sind, gleichwohl in der Summe bei aller Verschiedenheit einen stimmigen Eindruck vermitteln.

Betrachtet man die Gliederung, fällt auf, dass die Herausgeber dem Werk eine Struktur zugrunde legen, die dem Anspruch der „Theorie“ durchaus genügen soll und kann. Am Anfang steht das Menschenbild Adlers bzw. der Individualpsychologie, diese wird auch in der Philosophie der Zeit ihrer Entstehung (Edmund Husserl) verortet und in Schwerpunkten vorgestellt. Die deutlich auf die Praxis zielenden Anteile werden unter „Lebensstil“, „Lebensaufgaben“ und „Fallbeispiele individualpsychologischer Beratung“ beschrieben und bearbeitet, auch die systematischen Ansätze („Zentrale individualpsychologische Begriffe“ und „Methoden individualpsychologischer Beratung“) werden durch Praxisbezug konkretisiert. Die Fallbeispiele stellen sich überwiegend als konkrete Hinweise zur möglichen Gestaltung von thematisch orientierten Beratungssituationen dar, weniger um Analyse von Einzelfällen.

Denkt man an mögliche Lesergruppen, so ist das Werk gewiss eine gute Einführung in die Individualpsychologie, die Studenten, interessierte Laien und Mitglieder von Fort- und Weiterbildungsgruppen mit Gewinn nutzen können. Für die Praxis sozialer Berufe wie Sozialpädagogen, Lehrer oder Erzieher bietet es Orientierung und gerade auch durch seine vielen Verweise auf konkrete Fälle Hinweise für die eigene Arbeit. Wer bereits als Berater oder Therapeut mit der Materie vertraut ist, wird das Buch nutzen können, um seine Praxis mit aktuellen Darstellungen und Praxen anderer abzugleichen.

 Das Autorenteam setzt sich aus erfahrenen Praktikern zusammen: Therapeuten, Berater, Supervisoren, Coachs, Trainer, Personalberater, Erziehungswissenschaftler, Psychologen, ein Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie und weitere Fachleute mit unterschiedlichen Vorbildungen und beruflichen Schwerpunkten finden sich hier zusammen. Ganz überwiegend sind sie im Alfred-Adler-Institut Nord e. V. in Delmenhorst engagiert, ein Umstand, der gewiss inhaltlich und im Arbeitsprozess die Abstimmung gefördert hat, die dem Leser jetzt entgegenkommt.
Die umfangreiche Literaturliste am Ende des Buches liefert die Fundstellen der verwendeten Zitate, zeigt in dieser Zusammenstellung auch, dass sowohl Entstehung, Geschichte und aktueller Stand der Entwicklung der Individualpsychologie verarbeitet wurden. Die Liste der Autoren und Autorinnen im Anhang erscheint eher unsystematisch; manche beschreiben knapp ihren beruflichen Status, andere schreiben eine Art Kurzvita auf, wieder andere nennen ihre Kontaktdaten mit E-Mail- und Wohnadresse.

Wer Interesse an einer Aus- oder Weiterbildung zu Themen der Individualpsychologie bekommt, wird am Ende des Buches fündig: Hier wird die DGIP (Deutsche Gesellschaft für Individualpsychologie) vorgestellt, es folgt ein Hinweis auf das AAIN (Alfred-Adler-Institut Nord e. V.) mit seinen Kontaktdaten.

Fazit

Alles in Allem finden wir hier ein Buch vor, das der selbstgestellten Aufgabe gerecht wird. Die Individualpsychologie ist weit verbreitet und fachlich anerkannt. Sie kann Unterschiedliches leisten: Beratung, Therapie, aber auch eine Analyse von Personen, Motiven und Handlungen in Alltagssituationen pädagogischer, sozialer oder heilender Berufe. Das Werk ist nicht als Lehrbuch, sondern als Handbuch konzipiert; in dieser Funktion ist es mit Gewinn zu nutzen. Die Fokussierung auf „Beratung“ ist angesichts der Auswahl der Autoren und ihrer beruflichen Erfahrungen sinnvoll, wenn auch viele der geschilderten Grundlagen für andere Anwendungsgebiete gelten." 

Mittwoch, 24. August 2016

Run auf Gesamtschulen

Der WDR hat auf seiner Website einen interessanten Artikel zum Schuljahresbeginn postiert. Er analysiert die Gründe und Motive für die zunehmende Beliebtheit von Gesamtschulen.

Sie finden ihn hier: http://www1.wdr.de/nachrichten/schulstart-gesamtschulen-100.html

Für das Schuljahr 2017/18 können Eltern, aber auch Schulträger, hier Anregungen für ihre Entscheidungen finden.

Landesweit wechseln noch vier Prozent auf die Hauptschule

Das heißt, dass das dreigliedrige System keines mehr ist. Es ist maximal zweigliedrig - und hier zeigt die Kurve der Akzeptanz von Realschulen auch nach unten - mit 21,1 %. Den größten Zulauf hat das Gymnasium mit 41,3 %, es folgt mit Abstand - aber zunehmend - die Gesamtschule mit 26,1 %, und  die Sekundarschule landet mit 6,9 % knapp vor der Hauptschule. Integrative Schulformen, die Schüler aus allen Leistungsbereichen aufnehmen (Sekundarschule, Gesamtschule) halten also zusammen einen Anteil von von 33 %. 
Die Entwicklung spitzt sich auf die beiden Schulformen Gymnasium und Gesamtschule zu. Wir werden ein System haben, das auch weiterhin gegliedert ist, aber nach anderen Kriterien: Dem Gymnasium mit Turbo-Abitur nach 8 Jahren steht das integrierte System Gesamtschule mit allen Abschlüssen einschließlich Abitur nach neun Jahren zur Seite. Das Gymnasium besuchen zu einem großen Teil Kinder mit gymnasialer Empfehlung, während die Gesamtschule auch von Kindern mit Hauptschul- oder Realschulempfehlung besucht wird. 

Qualität und Vergleichsarbeiten (Lernstandserhebungen)

Vorab: Die Qualität einer Schule hängt natürlich von vielen Faktoren ab, und unter dem Begriff "Qualität" kann man in der Schule vieles verstehen. In guten Schulen werden nicht nur gute Leistungen erbracht, auch das Klima stimmt, Schüler erfahren Zuwendung und emotionale Wärme. Der Unterricht trägt individueller Förderung Rechnung, differenziert nicht nur nach Leistung (das auch), sondern auch den verschiedenen Lerntypen.
Gesamtschulen schneiden bei den landesweiten Lernstandserhebungen in Klasse 8 im Durchschnitt etwas schlechter als Gymnasien ab, aber besser als Realschulen und Hauptschulen - was einen Grund hat, der im System liegt. Gesamtschulen nehmen Kinder mit allen Empfehlungen (Hauptschule, Realschule, Gymnasium) auf , während Gymnasien zum größeren Teil Kinder mit gymnasialer Empfehlung unterrichten. Daher ist hier der Zensurendurchschnitt höher; allerdings sagt der Leistungsdurchschnitt nichts über den Erfolg des einzelnen Schülers, und da wird es zunehmend schwierig. Seit 2010 nehmen Gymnasien nämlich alle Kinder auf, deren Eltern das wünschen - die Empfehlungen für eine Schulform haben in NRW keinen bindenden Charakter mehr. In der Folge wird die Schülerschaft des Gymnasiums gemischter in ihren Leistungen als bisher, was sich auch in den Lernstandserhebungen niederschlägt.

Gleiche Leistungen nach Klasse 10 und im Abitur



Mittwoch, 6. Juli 2016

Greven und die Sekundarschule

Heute, am 6. Juli 2016, stand eine Notiz auf der Seite "Westfalen" der "Westfälischen Nachrichten":


Diese Notiz sagt einiges über unsere Gesellschaft und unser Schulwesen. 
In Greven gibt es
  • eine Hauptschule (auslaufend)
  • zwei Realschulen
  • ein Gymnasium
  • eine Gesamtschule

Das Problem

Die Gesamtschule ist 2012 fünfzügig gestartet. Sie kann nicht alle Schüler mit Hauptschulempfehlung aufnehmen, da sie ein bestimmtes Mischungsverhältnis beachten muss. Die Hauptschule nimmt keine Schüler mehr auf, weil sie zu wenig Anmeldungen hatte und deshalb auslaufend gestellt wurde.
Schüler mit Hauptschulempfehlung müssen daher in eine andere Stadt fahren, obwohl Greven vier Schulen in der Sekundarstufe I hat (Klasse 5 bis 10). Die Schülerklientel, die überproportional viele Migranten, viele Kinder mit Lernproblemen, viele Kinder mit sozialen und emotionalen Problemen enthält, schickt man weg. 

Lösungsmöglichkeiten

  • Man könnte die Gesamtschule sechszügig stellen. Dagegen werden sich die bestehenden Realschulen und das Gymnasium wehren.
  • Man könnte - siehe oben - eine Sekundarschule errichten. Das wäre keine weitere Konkurrenz für die gymnasiale Oberstufe des Gymnasiums, aber wohl eine für die Realschulen. Die Justin-Kleinwächter-Realschule wäre aufgelöst worden.
Die Eltern wurden gefragt und haben sich gegen eine von der Verwaltung und vom Rat gewollte Sekundarschule ausgesprochen. Das ist zu akzeptieren. Die Sekundarschule ist eine neue Schulform, anders als die Gesamtschule, und hat offenbar Startschwierigkeiten. Nicht zu unterschätzen ist die Kampagne der Justin-Kleinwächter-Realschule. Man kann davon ausgehen, dass die Eltern mit Aussicht auf eine Realschul- oder Gymnaiumempfehlung nicht für eine Sekundarschule gestimmt haben, und dass bei den Befürwortern mehrheitlich Eltern von potentiellen Hauptschülern waren.
Statements des Bürgermeisters und des Kämmerers lesen Sie hier.

Fazit

Alle bestehenden Schulen sind zufrieden, sie können weiter arbeiten, ohne von den Problemen der Hauptschüler behelligt zu werden. Man bleibt unter sich. Nirgendwo sonst ist das Herkunftsmilieu für den Schulerfolg so entscheidend wie in Deutschland.