Mittwoch, 24. August 2016

Run auf Gesamtschulen

Der WDR hat auf seiner Website einen interessanten Artikel zum Schuljahresbeginn postiert. Er analysiert die Gründe und Motive für die zunehmende Beliebtheit von Gesamtschulen.

Sie finden ihn hier: http://www1.wdr.de/nachrichten/schulstart-gesamtschulen-100.html

Für das Schuljahr 2017/18 können Eltern, aber auch Schulträger, hier Anregungen für ihre Entscheidungen finden.

Landesweit wechseln noch vier Prozent auf die Hauptschule

Das heißt, dass das dreigliedrige System keines mehr ist. Es ist maximal zweigliedrig - und hier zeigt die Kurve der Akzeptanz von Realschulen auch nach unten - mit 21,1 %. Den größten Zulauf hat das Gymnasium mit 41,3 %, es folgt mit Abstand - aber zunehmend - die Gesamtschule mit 26,1 %, und  die Sekundarschule landet mit 6,9 % knapp vor der Hauptschule. Integrative Schulformen, die Schüler aus allen Leistungsbereichen aufnehmen (Sekundarschule, Gesamtschule) halten also zusammen einen Anteil von von 33 %. 
Die Entwicklung spitzt sich auf die beiden Schulformen Gymnasium und Gesamtschule zu. Wir werden ein System haben, das auch weiterhin gegliedert ist, aber nach anderen Kriterien: Dem Gymnasium mit Turbo-Abitur nach 8 Jahren steht das integrierte System Gesamtschule mit allen Abschlüssen einschließlich Abitur nach neun Jahren zur Seite. Das Gymnasium besuchen zu einem großen Teil Kinder mit gymnasialer Empfehlung, während die Gesamtschule auch von Kindern mit Hauptschul- oder Realschulempfehlung besucht wird. 

Qualität und Vergleichsarbeiten (Lernstandserhebungen)

Vorab: Die Qualität einer Schule hängt natürlich von vielen Faktoren ab, und unter dem Begriff "Qualität" kann man in der Schule vieles verstehen. In guten Schulen werden nicht nur gute Leistungen erbracht, auch das Klima stimmt, Schüler erfahren Zuwendung und emotionale Wärme. Der Unterricht trägt individueller Förderung Rechnung, differenziert nicht nur nach Leistung (das auch), sondern auch den verschiedenen Lerntypen.
Gesamtschulen schneiden bei den landesweiten Lernstandserhebungen in Klasse 8 im Durchschnitt etwas schlechter als Gymnasien ab, aber besser als Realschulen und Hauptschulen - was einen Grund hat, der im System liegt. Gesamtschulen nehmen Kinder mit allen Empfehlungen (Hauptschule, Realschule, Gymnasium) auf , während Gymnasien zum größeren Teil Kinder mit gymnasialer Empfehlung unterrichten. Daher ist hier der Zensurendurchschnitt höher; allerdings sagt der Leistungsdurchschnitt nichts über den Erfolg des einzelnen Schülers, und da wird es zunehmend schwierig. Seit 2010 nehmen Gymnasien nämlich alle Kinder auf, deren Eltern das wünschen - die Empfehlungen für eine Schulform haben in NRW keinen bindenden Charakter mehr. In der Folge wird die Schülerschaft des Gymnasiums gemischter in ihren Leistungen als bisher, was sich auch in den Lernstandserhebungen niederschlägt.

Gleiche Leistungen nach Klasse 10 und im Abitur



Mittwoch, 6. Juli 2016

Greven und die Sekundarschule

Heute, am 6. Juli 2016, stand eine Notiz auf der Seite "Westfalen" der "Westfälischen Nachrichten":


Diese Notiz sagt einiges über unsere Gesellschaft und unser Schulwesen. 
In Greven gibt es
  • eine Hauptschule (auslaufend)
  • zwei Realschulen
  • ein Gymnasium
  • eine Gesamtschule

Das Problem

Die Gesamtschule ist 2012 fünfzügig gestartet. Sie kann nicht alle Schüler mit Hauptschulempfehlung aufnehmen, da sie ein bestimmtes Mischungsverhältnis beachten muss. Die Hauptschule nimmt keine Schüler mehr auf, weil sie zu wenig Anmeldungen hatte und deshalb auslaufend gestellt wurde.
Schüler mit Hauptschulempfehlung müssen daher in eine andere Stadt fahren, obwohl Greven vier Schulen in der Sekundarstufe I hat (Klasse 5 bis 10). Die Schülerklientel, die überproportional viele Migranten, viele Kinder mit Lernproblemen, viele Kinder mit sozialen und emotionalen Problemen enthält, schickt man weg. 

Lösungsmöglichkeiten

  • Man könnte die Gesamtschule sechszügig stellen. Dagegen werden sich die bestehenden Realschulen und das Gymnasium wehren.
  • Man könnte - siehe oben - eine Sekundarschule errichten. Das wäre keine weitere Konkurrenz für die gymnasiale Oberstufe des Gymnasiums, aber wohl eine für die Realschulen. Die Justin-Kleinwächter-Realschule wäre aufgelöst worden.
Die Eltern wurden gefragt und haben sich gegen eine von der Verwaltung und vom Rat gewollte Sekundarschule ausgesprochen. Das ist zu akzeptieren. Die Sekundarschule ist eine neue Schulform, anders als die Gesamtschule, und hat offenbar Startschwierigkeiten. Nicht zu unterschätzen ist die Kampagne der Justin-Kleinwächter-Realschule. Man kann davon ausgehen, dass die Eltern mit Aussicht auf eine Realschul- oder Gymnaiumempfehlung nicht für eine Sekundarschule gestimmt haben, und dass bei den Befürwortern mehrheitlich Eltern von potentiellen Hauptschülern waren.
Statements des Bürgermeisters und des Kämmerers lesen Sie hier.

Fazit

Alle bestehenden Schulen sind zufrieden, sie können weiter arbeiten, ohne von den Problemen der Hauptschüler behelligt zu werden. Man bleibt unter sich. Nirgendwo sonst ist das Herkunftsmilieu für den Schulerfolg so entscheidend wie in Deutschland.

Montag, 4. Juli 2016

Rektor Michael Roters geht in den Ruhestand

In der letzten Woche, am 1. Juli 2016, wurde der letzte Rektor der Hauptschule in Gescher, der Don-Bosco-Schule, verabschiedet. Er geht mit Ablauf dieses Schuljahres in den Ruhestand.
Damit hat die Schule im Laufe ihrer Existenz von 1969 bis 2018, also in knapp 50 Jahren, nur drei Rektoren erlebt: Werner Marx (1969 – 1981), Dr. Hermann Vortmann (1982 – 1990), Michael Roters (1991 – 2016). Roters ist derjenige, der am längsten den Chefposten im Schulzentrum am Borkener Damm innehatte. Die letzten zwei Jahre wird Bernhard Manemann-Kallabis die Leitung der Hauptschule neben seinen Aufgaben als Leiter der Gesamtschule wahrnehmen. Das ist aus mehreren Gründen eine sinnvolle Lösung: Zum einen ist die Gesamtschule erst in der Klassenstufe 8, wenn es ins nächste Schuljahr geht, zum anderen ist der Schulleiter im selben Gebäude tätig. Außerdem kann er in der Personalplanung den Einsatz der Lehrkräfte aus beiden Schulen in beiden Schulen vorsehen, also auch schulformübergreifend. 

Die Hauptschule (wie auch die Realschule) ist also in der Schlussphase. Es kommt nun noch darauf an, sie ohne Einbußen für die Schülerinnen und Schüler „nach Hause zu schaukeln“, wie die Vorsitzende des Lehrerrates, Magdalene Kintrup-Schröer, am 1. Juli bei der Abschiedsfeier formulierte.
Ein wichtiges Stück Schulgeschichte Geschers geht mit Michael Roters. Er kam 1977 an die Don-Bosco-Schule, nach der Ausbildung die erste Stelle. Er blieb bis zum Ende seines Berufslebens hier. Als er kam, hatte die Schule über 1.000 Schülerinnen und Schüler. jetzt geht diese Zahl rapide gegen Null. Als die Schule noch alle Klassenstufen (von 5 bis 10) hatte, waren es zuletzt um 300, in den Jahren davor schon stark abnehmend bei nach wie vor stabiler Schülerzahl in der Realschule. Auch in Gescher wurde damit die Hauptschule in Konkurrenz zur Realschule abgehängt, die Eltern wählten sie nicht mehr als Schule für ihre Kinder. Wie an so vielen Orten ging die Realschule auch in Gescher im Wettbewerb um die Schüler als „Sieger“ vom Platz. Wie an so vielen Orten siegte sie sich zu Tode. Ohne Hauptschule ist eine Realschule faktisch die Hauptschule, weil sie viele Schüler aufnimmt, die besser zu einer Hauptschule mit ihrem besonderen Profil gepasst hätten, und weil sie nun keine Schule mehr hat, an die sie die Schüler abschulen kann, die nicht das Gewünschte leisten oder nicht das gewünschte Verhalten zeigen.

Die Kommunalpolitik hat in Gescher klug entschieden, als sie die Situation rechtzeitig erkannte und gegenzusteuern begann. Die Gründung einer vierzügigen Gesamtschule war richtig, besser als die von der Verwaltung favorisierte Sekundarschule, die in etlichen Orten des Münsterlands gewählt wurde und schon (oder noch) mit teils großen Problemen zu kämpfen hat. Die Gesamtschule holt das Abitur nach Gescher, das im Unterschied zum Gymnasium nach neun Jahren abgelegt wird. So haben Geschers Eltern in Bezug auf die Hochschulreife eine echte Wahl: Wer den Turbo-Weg des G 8 (Gymnasium mit Abitur nach acht Jahren) will, hat in Coesfeld oder Stadtlohn das passende Angebot. Wer seinem Kind mehr Zeit lassen will, kann die Schule vor Ort, die Gesamtschule Gescher, wählen. Diese Wahl haben übrigens auch Eltern aus den Nachbarkommunen.

Michael Roters hat in der Entwicklung seiner Schule konkrete Ziele gehabt – realistische und den sich wandelnden Situationen angepasst. Ihm ist es gelungen, hohe Anerkennung bei Schülern, Eltern und Lehrern zu bekommen; das half ihm, bei Schulträger und staatlicher Schulaufsicht Gehör zu finden. Nicht immer, aber oft erfolgreich.

Montag, 29. Februar 2016

Coesfelds Schulwesen auf dem Weg zum Zwei-Säulen-Modell

Es geht in diesem Post um die Sekundarstufe I, um die Schulformen Gymnasium, Hauptschule, Realschule in Coesfeld.

Sitzung des Schulausschusses

Morgen, am 1. März 2016, tagt der Schulausschuss. Auf seiner Tagesordnung stehen im Wesentlichen zwei Punkte:
2. Fortschreibung der Schulentwicklungsplanung Vorlage: 057/2016
3. Auflösung der Anne-Frank-Hauptschule Vorlage: 059/2016
In der Vorlage zum Tagesordnungspunkt zwei heißt es:
"Die Schulleitungen sprachen sich erneut einmütig für die Weiterführung des dreigliedrigen Systems in Coesfeld aus.
Die Verwaltung teilt die Einschätzung der Schulleitungen. Die Anmeldezahlen der vergangenen Schuljahre bestätigen das dreigliedrige Schulsystem in Coesfeld. Solange die Schulform Hauptschule für die Hauptschüler in Coesfeld ein gutes, angenommenes Bildungsangebot unterbreitet und durch gelungene Schulkooperationen im gegliederten System ein auf die individuelle Situation und Entwicklung des Schülers abgestimmtes Bildungsangebot gewährleistet ist, besteht kein Anlass zur grundlegenden Änderung der Schulstruktur in Coesfeld." (Hervorhebung durch den Autor HV)
Wenn das so ist, dann wundert man sich über Tagesordnungspunkt 3: Auflösung der Anne-Frank-Hauptschule.

Dreigliedrigkeit bewährt?

Hier reibt sich der aufmerksame Leser die Augen: In der Allgemeinen Zeitung waren die Anmeldezahlen zu lesen. Bei deren Bewertung muss man im Auge behalten, dass der demografische Wandel greift und zum Rückgang der absoluten Zahlen landesweit führt.
Der Tenor der Berichterstattung in Coesfeld war:

  • Drei Gymnasien mit Anmeldezahlen, die die dauerhafte Existenz von drei Gymnasien auf Dauer fraglich erscheinen lässt, 
  • insgesamt Anmeldezahlen für die beiden Realschulen, die sie nicht nur als gesichert, sondern auch als die Gewinner des Wettbewerbs um Schüler erscheinen lassen, 
  • und ein weiterer dramatischer Einbruch im Hauptschulbereich. 

Obwohl es nur noch eine Hauptschule in Coesfeld geben wird, haben sich gerade einmal 28 Schülerinnen und Schüler eingefunden. Im Vorjahr waren noch 51. Wer diese Entwicklung mit den oben zitierten Worten beschreibt, ist zynisch. Kann man hier davon sprechen, dass es sich bei der Hauptschule um ein "angenommenes" Angebot handelt? Wohl kaum.
Eine Hauptschule mit zwei Eingangsklassen zu je 14 Schülern? Geht gar nicht. Das sieht auch die Verwaltung so. So tröstet sie sich mit zwei Entwicklungen, nämich mit der Erfahrung, dass es immer wieder einige Nachmeldungen gibt, und mit der Überleitung von vier oder fünf Flüchtlingskindern aus der Vorbereitungsklasse in die Regelklasse. Also Nachzügler und Flüchtlinge sollen die Zweizügigkeit der letzten Hauptschule in den grünen Bereich hieven? Wieder Zynismus: Sind alle Flüchtlingskinder von ihrem Begabungsprofil her automatisch Hauptschüler? Sind nicht alle Schulformen durch Schulrecht zur Förderung von Migranten verpflichtet? Braucht man die Hauptschule als Ausputzer, zur Beschulung der Schülerinnen und Schüler, die besondere pädagogische Zuwendung brauchen, weil sie Probleme haben oder machen oder beides?

Auf dem Weg zum Zwei-Säulen-System

Wenn man die Scheuklappen mal ablegt, ergibt sich folgendes Bild:
Die Hauptschulszene liegt in den letzten Zügen. Die Realschulen sind zahlenmäßig weiterhin die "Sieger", die Gymnasien sind auf der Verliererstraße, wenngleich sehr viel langsamer als die Hauptschule; eines von den dreien wird dennoch auf der Strecke bleiben.

Die Schülerinnen und Schüler, die früher die Hauptschule besuchten, sind nicht aus der Welt, sie gehen jetzt in die Realschulen. Damit wird deren Schülerschaft immer vielfältiger und bunter, mit anderen Worten: Die Realschulen sind, ob sie wollen oder nicht, mittlerweile integrierte Schulen mit Schülern höchst unterschiedlicher Begabungsprofile und Leistungsfähigkeiten. Die Zusammensetzung der Schülerschaft ähnelt der der Sekundarschulen. In Coesfeld werden die Realschulen überleben, Gymnasien wird es weiterhin geben, wenn auch nur zwei, und eine Hauptschule, die die Voraussetzungen für einen geordneten Schulbetrieb erfüllt, nämlich die Zweizügigkeit, wird es nicht mehr geben; das hat bereits im letzten Jahr das mit der Schulentwicklungsplanung beauftragte Institut "biregio" ("Bildung und Region") prognostiziert.

Fazit

Die Schulszene in der Sekundarstufe I (Klassen 5 bis 10) ist auf dem Weg von der immer wieder mit Realitätsverlust beschriebenen Dreizügigkeit zum Zwei-Säulen-Modell. Eine Schulform für die Schüler, die das Abitur nach dem Modell "G 8" machen, eine Schulform - wie auch immer sie dann heißt - mit dem mittleren Bildungsabschluss für viele, und der Perspektive "G 9" für diejenigen, die nach Klasse 10 zum Gymnasium wechseln.

Montag, 15. Februar 2016

Gemeinschaftshauptschule Gescher: Klassentreffen der Abschlussjahrgänge von 1975

1970

Fangen wir mit 1970 an. Die Hauptschule in Gescher geht in ihr zweites Jahr. Es gibt (noch) viele Kinder; ein hoher Prozentsatz der Viertklässler geht zur Hauptschule, in der Regel sind es in diesen Jahren etwa 70 Prozent. Die neu errichtete Schule am Borkener Damm platzt aus allen Nähten - sie ist sofort zu klein. Die fünften Klassen, aber auch andere Jahrgänge werden ausgelagert. Da gibt es noch Platz in der Von-Galen-Schule, der katholischen Grundschule am Stadtpark. Allerdings: Diese Schule lagert Klassen in die ehemaligen Landschulen aus, zum Beispiel nach Tungerloh-Pröbsting. Und auf ihrem Schulhof steht ein Pavillon in Fertigbauweise, da werden im Schuljahr 1970/71 die Klassen 5 c und 5 d der Hauptschule untergebracht. Die Klassenlehrer sind Georg Bergmann (5 c) und Karin Huskamp (5 d). Die Klassen 5 a (Hermann Vortmann) und 5 b (Johanna Bargel) kommen an der ehemaligen Schulstraße unter, im Haus Nr. 13. Unten sind zwei Klassenräume, oben Dienstwohnungen für Lehrer: Frau Bonhoff und Herr Koch wohnen dort. Jetzt heißt die Straße "Konrad-Adenauer-Straße", und später wird hier der Ludgerus-Kindergarten einziehen.
Die Unterrichtsverteilung erinnert stark an die Aufgaben des Klassenlehrers in der ehemaligen Schulform Volksschule. Trotz aller beschworenen Fachlichkeit müssen wir an den jeweiligen Standorten den Löwenanteil der Fächer selbst abdecken.
Ich bin also der neue Klassenlehrer und unterrichte in meiner 5 a eine ganze Reihe der Fächer - auch die, von deren Didaktik ich nicht viel weiß. In der 5 b unterrichte ich jedenfalls auch, Mathematik zum Beispiel und Musik. Spiegelbildlich macht Johanna ("Hanneli") Bargel das in ihrer Klasse ähnlich, auch sie hat eine ganze Reihe von Fächern zu unterrichten, und Englisch zum Beispiel unterrichtet sie in meiner Klasse. Ein paar Stunden (Mathematik, was sonst) unterrichte ich im Pavillon auf dem Schulhof der Von-Galen-Schule.
Den Sportunterricht hat Klaus Becker in beiden Klassen übernommen, Biologie macht eine Kollegin, ich meine, sie heißt Weilinghoff - und ich bin der Mentor der Junglehrerin Johanna "Hanneli" Bargel, muss sie also im Unterricht besuchen und in meinen Unterricht einladen. Dass ab und zu jemand vom "Mutterhaus" am Borkener Damm kommt, ist eine wahre Wohltat. So müssen wir nicht jede Pausenaufsicht und jede Busaufsicht selbst durchführen; wenigstens ab und zu nehmen unsere "Gäste" uns eine dieser Pflichten ab.
Meine Klasse mag ich - durch die Bank sind es aufgeweckte Kinder, kritisch, lebhaft und kreativ. Ich bringe meinen Fotoapparat mit und mache ein paar Fotos, die die Zehn- bis Elfjährigen im Unterricht zeigen.
Eines Tages kommt der erste türkische Schüler in meine Klasse, Halil kann kaum ein Wort Deutsch, und ich habe keine Ahnung, wie man ausländischen Schülern bei laufendem Unterrichtsbetrieb mit deutschen Schülern die neue Sprache beibringt. Es gibt noch lange nicht die Fortbildungsangebote, auch nicht die Materialen, die später, etwa in den Achtzigern, zur Verfügung stehen. Ich setze darauf, dass der junge Türke im Kontakt mit den Klassenkameraden schon Deutsch lernt. Allmählich fädelt er sich ein.
Zweieinhalb Jahre bin ich ihr Klassenlehrer, vom fünften bis zum siebten Jahrgang, von August 1970 bis Ende Januar 1973. Dann löst mich die neue Kollegin Gaby Mönning ab. Ich bin mittlerweile als Fachleiter für Mathematik in der Lehrerausbildung tätig, die Zahl meiner Unterrichtsstunden reduziert sich dadurch erheblich.

1975

Jetzt arbeite ich schon ein ganzes Jahr nicht mehr in Gescher, zumindest nicht als Lehrer. "Meine" Klasse wird im Sommer entlassen, ich bin hauptamtlich zum Bezirksseminar nach Coesfeld gewechselt und dessen stellvertretender Leiter geworden; hier werden bis 1983 Lehrer in der zweiten, der Praxisphase, ausgebildet.
Ich freue mich, dass ich zur Feier der Schulentlassung (nach der neunten Klasse) eingeladen werde. Die zehnte Klasse, die die Hauptschüler zur "Mittleren Reife" führt, kann freiwillig besucht werden, wenn man die entsprechenden Leistungen vorweist. So bleiben nur einige meiner Schüler bis 1976 in der Schule, alle anderen gehen jetzt in eine Ausbildung und ins berufsbildende Schulwesen.

2005

Mittlerweile habe ich meine berufliche Heimat in Hamburg gefunden, aber "meine" Klasse hat mich nicht vergessen: Dreißig Jahre nach der Schulentlassung werde ich zum Klassentreffen eingeladen. Ich finde ein wenig Zeit, mich mit den mittlerweile 45-Jährigen zu unterhalten, bin dabei, als sie die ehemaligen Klassenräume am Borkener Damm aufsuchen, und wundere mich über die Entwicklung, die mancher genommen hat. Alle Berufsfelder sind vertreten, viele in Gescher bekannt, andere kommen aus der großen weiten Welt. Gaby Mönning ist auch da.

2015

Nun sind vierzig Jahre seit der Schulentlassung verstrichen, und wieder werde ich eingeladen, wieder in das Schulgebäude am Borkener Damm, das jetzt nur noch in Teilen an die ehemalige Hauptschule erinnert. Veranstaltet wird dieses Treffen von allen vier Klassen. 
Ich habe noch einmal die alten Fotos angeschaut und dabei meine Erinnerungen aufgefrischt. Und nun stoße ich auf gesetzte Damen, auf grauhaarige und auch kahlköpfige Herren.
Quelle: Gescherer Zeitung
Sie haben sich wieder verändert, zum Teil so, dass zwischen dem letzten Wiedersehen und heute nicht zehn Jahre, sondern ein halbes Leben zu liegen scheint. Und wie immer bei Klassentreffen: Manche sind selbst gekommen, manche scheinen ihren Vater oder ihre Mutter geschickt zu haben, wieder andere den Sohn oder die Tochter - so unterschiedlich haben sie sich entwickelt. Manche habe ich in Gescher häufiger getroffen, andere selten oder gar nicht. Manche sind Handwerker, auf deren Fertigkeiten und Dienste ich immer wieder gerne zurückgreife, andere arbeiten in der Stadtverwaltung, in Dienstleistungsberufen unterschiedlicher Art oder im Handel. Viele erkenne ich auf Anhieb, bei anderen muss ich nachfragen. Etliche sind schon Großeltern und lachen, als Gaby Mönning die neue Gesamtschule lobt und meint, die komme ja nun für die Anwesenden zu spät, für die Kinder aber doch recht. Sie rufen: "Für die Enkelkinder!" Und in meinem Kopf beißen sich die Erinnerungen an die Kinder, wie sie auf den Fotos der siebziger Jahre zu sehen sind, mit den Wahrnehmungen, die ich jetzt habe, von einigen Omas und Opas, jedenfalls von etablierten Mittfünfzigern.
Umgekehrt scheint es einigen auch so zu gehen: Man schätzt mich älter, als die fünfzehn Jahre Altersunterschied, die es faktisch sind. Der Lehrer scheint wohl auch subjektiv der viel Ältere zu sein.

 Fassen wir mal zusammen

Was ist in diesen 40 Jahren passiert? Meine Schüler haben den größten Teil ihres Lebens gelebt, einige sind schon verstorben, einige krank, Von vielleicht 120, die seinerzeit entlassen wurden, sind mehr als zwei Drittel zum Klassentreffen gekommen. Die fünf Jahre Hauptschule und die Gemeinschaft untereinander scheinen also fest in ihrer Biografie verankert zu sein. Und sie wären nicht gekommen, wären es nicht angenehme Erinnerungen, die  sie mit Schule und Klassenkameraden verbinden.
Die Schulform Hauptschule ist mit Schwung und großen Erwartungen gestartet, als sie im vierten Schuljahr waren. Demographischer Wandel und stark verändertes Schulwahlverhalten haben bewirkt, dass binnen kurzem die meisten Hauptschulen Auslaufmodelle sind, die durch nachwachsende Gesamt- oder Sekundarschulen abgelöst werden.
An beide erinnere ich mich gerne, an "meine" Hauptschüler und an "meine" Hauptschule. Und durch die Bank - die Schule hat sie offensichtlich nicht daran gehindert, überwiegend erfolgreich durchs Leben zu gehen.