Sonntag, 19. März 2017

Anmeldungen zu weiterführenden Schulen in Coesfeld

Alle Jahre wieder ...

... klopft sich Coesfeld auf die Schulter:
"Zugelegt haben - wie schon im Vorjahr - die beiden Realschulen. Die Freiherr-vom Stein-Realschule hat sogar so viele Anmeldungen, dass sie im nächsten Schuljahr mit fünf Klassen startet." (Allgemeine Zeitung vom 11. März 2017)
Der Leser und die Leserin reiben sich verwundert die Augen. Schaut man sich die Tabelle an, dann hat die Freiherr-vom-Stein-Realschule zwar 117 Anmeldungen in 2017 und 101 in 2016, also 16 Schüler gewonnen. Die Theodor-Heuss-Schule hingegen verliert 15 Schüler, von 115 im letzten auf 100 in diesem Jahr. Das macht erstens nur einen "Gewinn" von exakt einem Schüler, zweitens haben erst recht nicht beide Realschulen zugelegt. Es handelt sich einfach um eine Verschiebung.
 Richtig ist allerdings, dass die Schulform Realschule im Rahmen des gegliederten Schulwesens besser dasteht als die Hauptschule. In Coesfeld gibt es für die Hauptschule 33 Anmeldungen in diesem, 32 im letzten Jahr. Auch hier also ein "Gewinn" von einem Schüler. Und die Gymnasien? Die verlieren Anmeldungen, von 257 im vergangenen Jahr auf 241 in diesem. Ein "Verlust" von 16 Schülern.
Schaut man sich die Verteilung auf die Schulformen an, findet man von den 491 angemeldeten Schülern
  •   33 in der Hauptschule ( 7 %)
  • 217 in der Realschule   (44 %)
  • 241 im Gymnasium      (49 %)
Und die Vergleichszahlen für 2016:
  •   32 in der Hauptschule (  6 %)
  • 216 in der Realschule    (43 %)
  • 257 im Gymnasium       (51 %)
Also: Wenig Bewegung - zumindest in den Prozentzahlen. Unser Schulsystem räumt den Eltern das Recht ein, ihr Kind an der Schule ihrer Wahl anzumelden. Würde man die Leistungen der Hauptschüler, der Realschüler und der Gymnasiasten als Kurve darstellen, erhielte man die in der Wahrscheinlichkeitsrechnung bekannte Glockenform. Würde man sie in ein Koordinatenkreuz einzeichnen, könnte man Überlappungen feststellen, die sehr weitreichend sind: Im Gymnasium, erst recht in der Realschule, fände man Schüler mit Leistungen auf dem Hauptschulniveau, in der Hauptschule, erst recht in der Realschule, solche mit gymnasialem Niveau. Dies ist in den PISA-Studien immer wieder belegt worden. (Z. B.: Beste Hauptschüler können genauso gut lesen wie schlechte Gymnasiasten.)

Oder aus dem Handbuch der Schulforschung von Horstkemper/Tillmann:
Diese Grafik ist einige Jahre alt, aber im Grundsatz spiegelt sie wider, dass die Leistungen der Schüler nach Schulform nicht trennscharf sind.
Angesichts der Schwäche der Hauptschule muss man davon ausgehen, dass die Schülermischung in Realschulen und Gymnasien sich nicht oder kaum mehr von anderen Zwei-Säulen-Modellen unterscheidet, z. B. Gesamtschule/Gymnasium in verschiedenen Bundesländern oder Stadtteilschule/Gymnasium in Hamburg.
Der Dezernent Dr. Robers wird in der Allgemeinen Zeitung so zitiert:
"Insofern hat sich das dreigeteilte Schulsystem aus Hauptschule, Realschule und Gymnasium bestätigt." 
Das geht nun allerdings an der Wirklichkeit vorbei. Es handelt sich um ein Schulsystem, das letztlich ein Zwei-Säulen-System aus Gymnasium und Realschule ist, wobei sich in der Realschule die Schüler mit einem Leistungsprofil sammeln, die vor Jahrzehnten die Hauptschule besuchten. Und in der Folge wird die Querverschiebung einschließlich der Leistungsprofile zum Gymnasium durchgereicht, so dass hier mittlerweile fast 50 % der Anmeldungen zu finden sind.
Das Einzugsgebiet ist nicht nur Coesfeld, sondern auch Gescher, Reken, Rosendahl, Billerbeck und mehr. In diesen Orten gibt keine Hauptschule, keine Realschule mehr, die Schüler in die fünfte Klasse aufnehmen könnten, und nur in Reken existiert noch ein Gymnasium, das private der Marianhiller Missionare. Aus all diesen Orten drängt es also nur Eltern von 33 Schülern, ihre Kinder an einer Hauptschule anzumelden. Und wahrscheinlich drängt es sie nicht, sondern sie tun es mangels Alternative. Ich kann es nur wiederholen: Die Hauptschüler sind die Verlierer des "drei"-gliedrigen Systems. Und damit auch die beiden anderen Schulformen, die jetzt Schüler unterrichten, die nicht zu ihrem Profil, zu ihren Bildungsplänen und -zielen passen.

Mich würde interessieren, in welchen Coesfelder Schulen prozentual die meisten Kinder mit Migrationshintergrund sind, besonders auch, wo die meisten Flüchtlingskinder unterrichtet werden. Könnte es sein, dass hier die Hauptschule einen ersten Platz belegt?
Schul-

–www

Montag, 27. Februar 2017

Schul-Leben, Schulgeschichte konkret erlebt

Der Werbeblockg

Es sei mir erlaubt, auch an dieser Stelle auf mein Buch Schul-Leben hinzuweisen. Es ist vor zwei Wochen im agenda-Verlag in Münster erschienen. Ich beschreibe darin, wie sich die Schule in Nordrhein-Westfalen in den Jahren zwischen 1950 und 2010 verändert hat. Es ist kein Fachbuch für Fachleute, sondern ein erzähltes Leben aus der Sicht des Schülers in Volksschule und Aufbaugymnasium, aus der Sicht des Studenten, des Lehrers und Lehrerausbilders, aus der Sicht des Schulleiters und Schulaufsichtsbeamten, zuletzt aus der Perspektive des Schuldezernenten der katholischen Schulen in Hamburg. Meine eigene Biographie hat den Anstoß für dieses Buch gegeben, wenn auch vieles fiktiv ist - Namen, konkrete Ereignisse, geographische Lagen und mehr.
Weil jeder von uns die Schule aus eigenem Erleben kennt, ist es bestimmt interessant, zu lesen, wie die Schule nicht nur aus der Warte der Schüler, sondern auch aus der Innensicht der Profis aussieht.

So fängt es an.


Und so hört es auf.


Dazwischen liegt das ganze Schulleben.


Wenn ich Ihr Interesse geweckt habe: 

ISBN 978-3-89688-569-2, 182 Seiten, 2017





Montag, 6. Februar 2017

Bekenntnisschule oder Gemeinschaftsschule? Das Beispiel Lette

In der Lokalzeitung konnte man über lange Zeit den Konflikt verfolgen, der zwischen den Eltern der katholischen Grundschule in Coesfeld-Lette ausgetragen wurde: Soll unsere Grundschule eine katholische Bekenntnisschule bleiben oder eine Gemeinschaftsschule werden? Vor zwei Jahren wurden in Gescher die Pankratiusschule und die Schule auf dem Hochmoor ziemlich geräuschlos umgewandelt.

Rechtlicher Rahmen

Schauen wir einmal genauer hin: Das Schulrecht in Nordrhein-Westfalen sieht nur für zwei Formen öffentlicher Schulen die Schulart Bekenntnisschule vor, für Grundschulen und für Hauptschulen. Das hängt mit der Geschichte zusammen. Sie entstammen der früheren Volksschule; aus den damaligen Klassen 1 bis 4 entstand 1968 die Grundschule, aus den Klassen 5 bis 8 (oder 9) die Hauptschule. Die Volksschulen waren überwiegend Bekenntnisschulen, oft war der Schuleinzugsbereich identisch mit dem Gebiet einer Pfarrgemeinde. Nach der Schulreform 1968 sollte es diese Möglichkeit auch weiterhin geben.
Heute sagt die Landesverfassung im Artikel 12 Abs. 3 über die Grundschule:
„(3) In Gemeinschaftsschulen werden Kinder auf der Grundlage christlicher Bildungs- und Kulturwerte in Offenheit für die christlichen Bekenntnisse und für andere religiöse und weltanschauliche Überzeugungen gemeinsam unterrichtet und erzogen.
In Bekenntnisschulen werden Kinder des katholischen oder des evangelischen Glaubens oder einer anderen Religionsgemeinschaft nach den Grundsätzen des betreffenden Bekenntnisses unterrichtet und erzogen.“
Und in Artikel 13 heißt es:
„Wegen des religiösen Bekenntnisses darf im Einzelfalle keinem Kinde die Aufnahme in eine öffentliche Schule verweigert werden, falls keine entsprechende Schule vorhanden ist.“
Diese Vorschrift stellt sicher, dass jedes Kind eine Beschulung in angemessener Entfernung von seinem Elternhaus erfahren kann, unabhängig von seinem Bekenntnis.
Schauen wir auch in das Schulgesetz. Da ist der § 26 (Schularten) entscheidend:
„(1) Grundschulen sind Gemeinschaftsschulen, Bekenntnisschulen oder Weltanschauungsschulen. Hauptschulen sind in der Regel Gemeinschaftsschulen.
(2) In Gemeinschaftsschulen werden die Schülerinnen und Schüler auf der Grundlage christlicher Bildungs- und Kulturwerte in Offenheit für die christlichen Bekenntnisse und für andere religiöse und weltanschauliche Überzeugungen gemeinsam unterrichtet und erzogen.
(3) In Bekenntnisschulen werden Kinder des katholischen oder des evangelischen Glaubens oder einer anderen Religionsgemeinschaft nach den Grundsätzen des betreffenden Bekenntnisses unterrichtet und erzogen. Zum evangelischen Bekenntnis im Sinne dieser Vorschrift gehören auch die bekenntnisverwandten Gemeinschaften.
(4) In Weltanschauungsschulen werden die Schülerinnen und Schüler nach den Grundsätzen ihrer Weltanschauung unterrichtet und erzogen. An Weltanschauungsschulen wird Religionsunterricht nicht erteilt.
(5) In Gemeinden mit verschiedenen Schularten können die Eltern die Schulart zu Beginn jedes Schuljahres wählen. Der Wechsel in eine Schule einer anderen Schulart ist während des Schuljahres nur aus wichtigem Grund zulässig. Schülerinnen und Schüler einer Minderheit können die Schule einer benachbarten Gemeinde besuchen, falls in ihrer Gemeinde die gewünschte Schulart nicht besteht.
(6) In Schulen aller Schularten soll bei der Lehrereinstellung auf die Konfession der Schülerinnen und Schüler Rücksicht genommen werden. An Bekenntnisschulen müssen 1. die Schulleiterin oder der Schulleiter und 2. die übrigen Lehrerinnen und Lehrer dem betreffenden Bekenntnis angehören. Sie müssen bereit sein, im Sinne von Absatz 3 Satz 1 an diesen Schulen zu unterrichten und zu erziehen. Zur Sicherung des Unterrichts sind Ausnahmen von Satz 2 Nummer 2 zulässig.                                                                                                             
(7) An einer Bekenntnisschule mit mehr als zwölf Schülerinnen und Schülern einer konfessionellen Minderheit ist eine Lehrerin oder ein Lehrer des Bekenntnisses der Minderheit einzustellen, die oder der Religionsunterricht erteilt und in anderen Fächern unterrichtet. Weitere Lehrerinnen und Lehrer des Bekenntnisses der Minderheit sind unter Berücksichtigung der Zahl der Schülerinnen und Schüler der Minderheit und der Gesamtschülerzahl der Schule einzustellen.“

Was heißt das für die Praxis?

Interessant sind die Absätze 6 und 7. In Absatz 6 wird zwar grundsätzlich vorgeschrieben, dass Schulleiter bzw. Schulleiterin und Lehrkräfte dem entsprechenden Bekenntnis angehören müssen, dass zur Sicherung des Unterrichts aber Ausnahmen bei der Besetzung der Lehrerstellen möglich sind.
Dagegen finden wir in der Allgemeinen Zeitung vom 1. Februar 2017: „Damals war genauso ein Fall (die Ablehnung der Einstellung einer evangelischen Lehrerin - HV) der Auslöser für die Diskussion: die Schulleiterin musste die Bewerbung einer Lehrerin ablehnen – weil diese evangelisch war. Eine Umwandlung hätte eine größere Gerechtigkeit bei der Einstellung von Lehrern zur Folge gehabt. „Ich muss nun weiterhin Lehrer aussortieren, wenn die Konfession nicht passt“, so Schulleiterin Schäfer. „Ebenso wie ich katholische Schüler bevorzugt aufnehmen müsste, wenn wir zu viele Anmeldungen hätten.“ Vor dem Hintergrund des Gesetzestextes ist das zumindest etwas vereinfacht dargestellt. Wenn der Unterrichtsbedarf sonst nicht gedeckt werden kann, ist eine Einstellung in einem anderen Bekenntnis zulässig. Der Absatz sieben schreibt dies sogar vor, wenn – und davon ist in Lette auszugehen – mehr als zwölf evangelische Schülerinnen und Schüler an der katholischen Grundschule vorhanden sind. Wichtig: Nicht nur eine entsprechende Lehrkraft für den evangelischen Religionsunterricht muss dann eingestellt werden, sondern weitere evangelische Lehrkräfte sind einzustellen.   
Aus der rechtlichen Sicht gibt es eine wirkliche Begrenzung nur bei der Besetzung der Schulleiterstelle. Insofern ist – wenn die Zeitung korrekt berichtet hat – etwas vereinfacht argumentiert worden.

Fazit

Das Ergebnis des Verfahrens ist richtig, weil man unterstellen kann, dass ein gesetzlich vorgeschriebenes Verfahren richtig durchgeführt wurde. Dennoch bleiben einige Fragen zu besprechen:
  • Worin besteht der Unterschied zwischen einer Erziehung nach katholischen Grundsätzen und einer Erziehung nach evangelischen Grundsätzen? Sicherlich werden Gottesdienste in der Schulgemeinschaft verschieden aussehen. Es gibt auch Unterschiede im Schulleben – ein Namenstag der Franziskusschule am 4.Oktober, der Marienschule am 12. September … Aber würde eine Streitschlichtung, eine freundliche Zuwendung, eine Ermutigung von der Konfession bestimmt?
  • Haben sich seit der Zeit der Volksschule die Verhältnisse nicht soweit verändert, dass es kaum noch Gebiete und Orte gibt, die ein ganz überwiegendes konfessionelles Übergewicht erkennen lassen?
  • Wird der Status „Bekenntnisschule“ nicht missbraucht, wenn bei einem Nebeneinander von Bekenntnis- und Gemeinschaftsschule die Muslime sich ganz überwiegend in der Gemeinschaftsschule wiederfinden? Es ist kein Geheimnis, dass deutsche Eltern ihre Kinder in solchen Fällen gerne an der Bekenntnisschule anmelden.


Meine Meinung

Man sollte keinen Kulturkampf daraus machen. Wie in anderen Institutionen auch dürfen Kinder in der Schule erleben: Es gibt katholische, evangelische, muslimische und auch konfessionslose Kinder, es gibt behinderte und nichtbehinderte Kinder, es gibt Kinder, die aus Deutschland stammen und solche, die aus anderen Ländern stammen.

Ein Kompliment an die Schulszene der Grundschulen in Gescher: Es gibt eine katholische Grundschule, die schwerpunktmäßig auch die Kinder aufnimmt, die noch Deutsch lernen müssen, und es gibt eine Gemeinschaftsschule mit zwei Standorten, die alle Kinder unabhängig von der Konfession aufnimmt. Über die Anmeldung entscheiden im Rahmen der vom Schulträger festgelegten Zügigkeit die Eltern. 

Montag, 14. November 2016

Ein Thema eskaliert: G8 oder G9 am Gymnasium

Informationen und Gedanken zu einer langen Streitgeschichte

Seit wann und warum ein Jahr weniger gymnasiale Schulzeit?

Im Jahr 2000 wurden in Deutschland erstmals die Ergebnisse eines PISA-Tests veröffentlicht. PISA war und ist ein Test, den die OECD (Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung) in ihren Mitgliedsstaaten regelmäßig durchführt. (Wir merken uns an dieser Stelle schon einmal, dass es sich um eine Organisation mit wirtschaftlichen Interessen handelt.) „PISA“ ist eine Abkürzung für „Programme for International Student Assessment“ – „Programm zur internationalen Bewertung von Schülern“.  Gemessen wurden Leistungen von Schülern in der Sekundarstufe I (Klassen 5 bis 10). Die Gebiete, die getestet wurden, waren
  •          mathematisches Grundverständnis,
  •          naturwissenschaftliches Grundverständnis,
  •          Lesekompetenz und
  •         fächerübergreifende Kompetenzen.

Fächer, die zu einer guten Bildung dazugehören wie Musik, Kunst, Literatur, Religion, Geschichte, Politik und mehr – kurz der musische, der gesellschaftswissenschaftliche, erst recht der geisteswissenschaftliche Bereich – fehlten und fehlen auch heute noch vollständig.
Die Ergebnisse deutscher Schüler lagen überwiegend im (unteren) Mittelfeld, teils hinter Staaten, von deren besonderen Leistungen im Bildungsbereich man noch nicht gehört hatte. Skandinavische Länder waren ziemlich weit oben im Ranking vertreten – allen voran Finnland.
Die Öffentlichkeit und die Medien verkürzten die Informationen über die PISA-Ergebnisse zu der Botschaft, dass das deutsche Bildungssystem schlecht sei, und flugs reagierte die Politik auf die nationale Erregung. Über die Kultusministerkonferenz wurden etliche Maßnahmen beschlossen und flott umgesetzt: Nationale Untersuchungen zur Schulleistung, auch in der Grundschule, Verabschiedung von Bildungsstandards und zentralen Anforderungen für das Abitur, Einführung von zentralen Lernstandserhebungen – und auch Verkürzung der Schulzeit bis zum Abitur.

Bessere Leistungen durch weniger Schulzeit?

Wohl kaum, aber ein Effekt sollte ja auch sein, dass die Abiturienten ein Jahr früher in die Ausbildung und in den Beruf kommen. Nur: Die Abiturienten entwickelten andere Vorstellungen. Sie arbeiten im Bundes-Freiwilligen-Dienst (Bufdi), sie gehen als Missionarinnen auf Zeit nach Venezuela und was es sonst noch gibt, um sich in der Welt umzuschauen.
Nordrhein-Westfalen hat sich anders verhalten als andere Bundesländer: In Hamburg zum Beispiel dauert die Sekundarstufe I an Gymnasien wie an Gesamtschulen 6 Jahre, von Klasse 5 bis Klasse 10. Die gymnasiale Oberstufe dauert zwei Jahre (Sekundarstufe II). In Nordrhein-Westfalen dauert sie drei Jahre, dafür ist die Sekundarstufe I (nur) an Gymnasien ein Jahr kürzer, sie geht von der 5. bis zur 9. Klasse. In Hamburg wie in NRW trägt die Sekundarstufe I einen Teil der Last der Schulzeitverkürzung in den Gymnasien, in Nordrhein-Westfalen aber deutlich mehr. Weil für die jeweiligen Fächer und ihre Abschlüsse die zu absolvierenden Stunden Unterricht festgelegt sind, müssen die jüngeren Schüler mehr Stunden absolvieren.
Eltern und Kinder klagen über ausgebuchte Schultage, wenig Zeit für Freizeitaktivitäten, wenig Zeit, um Freunde zu treffen.
Seit der Einführung im Jahre 2005 kommt die Diskussion nicht zur Ruhe, sowohl um die Frage, wo die Kürzung stattfinden soll, in der Sekundarstufe I oder in der Sekundarstufe II, als auch generell um die Frage nach acht oder neun Schuljahren. Es gibt schon verschiedene Ansätze, Einzelschulen die Entscheidung für G8 oder G9 zu überlassen, die allerdings die Schwierigkeiten einer erneuten Umstellung vermeiden wollen. Während einige Länder G9 überhaupt nicht eingeführt hatten (Rheinland-Pfalz), sind andere auf dem vollständigen Rückzug von G8 nach G9 (Niedersachsen). Und wieder andere hatten nie G9 (Thüringen), G8 war in der DDR Standard.

NRW: G8 an Gymnasien, G9 an Gesamtschulen

In NRW und einigen anderen Bundesländern gilt die verkürzte Schulzeit nur für Gymnasien, nicht für Gesamtschulen. Wenn jetzt also die FDP in Nordrhein-Westfalen fordert, den Gymnasien die Entscheidung darüber zu überlassen, ob sie das Abitur nach acht oder neun Jahren vergeben wollen, haben die Eltern (und Schüler) diese Möglichkeit jetzt schon. Wer das Abitur nach acht Jahren wünscht, kann das am Gymnasium realisieren, wer es nach neun Jahren wünscht, kann eine Gesamtschule besuchen.

Vorschläge aus der Politik

G8 behalten und verbessern

So sah die überwiegende Meinung bis vor kurzem noch aus. Die am Runden Tisch der Schulministerin versammelten Vertreter von Eltern, Lehrern, Verbänden und mehr waren sich da weitgehend einig. Vor allem die Schulen selbst scheuen die mit einer Rückabwicklung verbundenen Schwierigkeiten.

Zurück zu G9

Das wollen mittlerweile Landeselternschaft und Bürgerinitiativen. Dagegen sind Unternehmer.

Wahlfreiheit für die Schulen

Schon 2010 hatte die Schulministerin Löhrmann den Schulen freigestellt, zu G9 zurückzukehren. Landesweit hatten nur sechs Gymnasien von dieser Möglichkeit Gebrauch gemacht. Heute ist die FDP dafür, dieselbe Partei, die sich bei der Einführung von G8 vehement für die Schulzeitverkürzung eingesetzt hatte. Ähnliches will die CDU, dabei die Sekundarstufe I wieder auf sechs Jahre ausweiten und die Oberstufe auf zwei oder drei Jahre, je nach Konferenzbeschluss der Schule festlegen. Auch die CDU revidiert damit die Änderungen, die sie bei Regierungsantritt seinerzeit mit der FDP vorgenommen hatte.

Wahlfreiheit für jeden Schüler

In den Regierungsparteien gibt es Überlegungen, G8 und G9 zu ermöglichen, und zwar indem man die Sekundarstufe I auf sechs Jahre verlängert und in der Oberstufe die Wahlmöglichkeit eröffnet, das Abitur nach zwei oder drei Jahren abzulegen. Das würde eine Individualisierung der Schullaufbahn bedeuten, mit der Folge, dass die Leistungsbreite im Gymnasium noch weiter auseinanderklafft, die jetzt schon bei einer Übergangsquote (von der Grundschule zum Gymnasium) von über 40 % enorm ist. Die Unterschiede zur Gesamtschule würden noch mehr schwinden.

Fazit

Die Situation ist unübersichtlich. Wonach soll man sich richten? Nach den Wünschen der Eltern, die überwiegend G9 wieder haben wollen? Nach den Bedürfnissen der Schulen, denen Kontinuität wichtiger ist als immer wieder Veränderung? In den Vorstellungen der Parteien ist zu erkennen, dass die eierlegende Wollmilchsau die Wählerstimmen bringen soll. - Wir werden sehen.


Sonntag, 30. Oktober 2016

Das kann man so nicht sagen.


Ein paar Fakten, wie ich sie sehe

Frau Kucharz geht in den Ruhestand. Es ist kein Geheimnis, dass wir beide unterschiedliche Ansichten hatten, was die schulische Entwicklung in Gescher anging und angeht.
Nun hat die Gescherer Zeitung ein Interview mit ihr abgedruckt, das den Blick zurück und den nach vorn widergeben soll. Weit davon entfernt, Frau Kucharz zum Abschied nicht die berechtigte und notwendige Würdigung zuteilwerden zu lassen, sollte doch die Faktenlage klar sein. Deshalb hier ein paar Anmerkungen zum Teil „Bildung“ und „Schule“ im Gespräch zwischen Herrn Schroer und Frau Kucharz, das in der Ausgabe vom 29. Oktober 2016 veröffentlicht wurde (s. Ausriss im Kasten).
Aus der Gescherer Zeitung vom 29. Oktober 2016
Da leitet der Redakteur seine Frage mit einer Aussage ein: „Die erfolgreiche Weiterentwicklung der Schul- und Bildungslandschaft fällt in Ihre Zuständigkeit und trägt Ihre Handschrift.“

Kindertagesstätten

Schauen wir uns diese Behauptung etwas genauer an. Zur Bildungslandschaft zählt mehr als die Schulen, auch die Kitas darf man getrost dazurechnen. Ich kann nicht erkennen, was hier mehr geschehen ist, als dass das der Ortsverband des Deutschen Roten Kreuzes, dem Frau Kucharz vorsteht, die Trägerschaft von zwei Kindergärten übernommen hat. Der Standort des letzten war politisch zunächst umstritten, nun ja. Aber wo ist hier der Mehrwert? Der Kindergarten „St. Pankratius“ in kirchlicher Trägerschaft wurde geschlossen, die „Bunte Welt“ in Trägerschaft des DRK wurde eröffnet. Und ist das der Ersten Beigeordneten Kucharz oder der Vorsitzenden des DRK-Ortsvereins Kucharz zuzurechnen?

Offene Ganztagsgrundschule

Schauen wir in die Grundschulen. Hier ist es ähnlich. Die Betreuungsmaßnahmen der Offenen Ganztagsschule an der Von-Galen-Schule werden ebenfalls vom DRK-Ortsverein getragen. Auch hier wäre Frau Kucharz eher in ihrer Funktion als Vorsitzende dieses Vereins denn als Erste Beigeordnete zu nennen.

Grundschulverbund Pankratiusschule

Eine wesentliche schulorganisatorische Entscheidung war allerdings die Zusammenführung der beiden ehemals selbständigen Grundschulen – Pankratiusschule und Schule auf dem Hochmoor – zu einem Schulverbund. Die Schulaufsicht, also das Land, hat dieses Modell zum Erhalt gefährdeter Grundschul-Standorte vorgesehen und darauf gedrängt, diese Verbünde zu schaffen. Der Standort Hochmoor wurde damit auf absehbare Zeit gesichert. Der Einsatz von Lehrkräften, gegenseitige Vertretungen, Kooperationen überhaupt wurden erleichtert. Der Umstand, dass die beiden Standorte so weit auseinanderliegen, relativiert diese positiven Effekte; um die Vorteile einer flexiblen Klassenbildung zu nutzen, müsste der Schulbusverkehr ausgeweitet werden.

Gesamtschule

Kommen wir nun zur Sekundarstufe I und II, also den Klassen 5 bis 13. Die Gründung der Gesamtschule und die damit verbundene Auflösung von Real- und Hauptschule kann man Frau Kucharz nur insoweit zurechnen, als sie die Beschlüsse der Kommunalpolitik ausgeführt hat. Sie hat sie gewiss nicht angestoßen oder vorgedacht. Frau Kucharz musste hier zum Jagen getragen werden, um es vorsichtig auszudrücken.
Ich habe ihr anlässlich der Feierstunde zum 100-jährigen Jubiläum der Pankratiusschule im August 2010 gesprächsweise vorgetragen, dass die Hauptschule in Gescher wie landesweit wegen des demographischen Wandels und wegen des sich rasant ändernden Schulwahlverhaltens nicht zukunftsfähig sei. Man müsse sich frühzeitig um eine örtliche Schulstruktur bemühen, die dieses Problem lösen könne. Frau Kucharz stritt dies mit Verweis auf den eigenen Schulentwicklungsplan ab. Danach sei die Existenz der örtlichen Hauptschule noch über etliche Jahre hinweg gesichert. (Dabei waren die Zahlen schon zu diesem Zeitpunkt obsolet.)
Die Kommunalpolitik, hier ist zunächst der Vorsitzende der CDU-Fraktion Egbert Kock zu nennen, aber auch die Programme von SPD und Grünen, zielten schon früh auf einen integrativen Ansatz, der mehr Schüler als bisher dauerhaft an Gescher zu binden versprach. Als erstes die SPD, dann auch die CDU, luden mich ein, über Möglichkeiten der Schulstruktur in der Sekundarstufe I (Klassen 5 bis 10) in Gescher zu informieren. Dem kam ich gerne nach.
Der Schulausschuss beschloss eine Neuordnung der Sekundarstufe I. Für die Erarbeitung der Gestaltung dieser Neuordnung wurde unter anderem eine Steuergruppe eingerichtet, deren Mitglied ich durch Beschluss des Schulausschusses wurde. Daneben gab es eine Arbeitsgruppe, die im Wesentlichen aus Schulleitungen und Lehrern von Haupt- und Realschule bestand. Im Zuge des landespolitischen Schulkompromisses boten sich zwei mögliche Schulformen an: Die Sekundarschule mit den Klassen 5 bis 10 und der Kooperation mit einer gymnasialen Oberstufe außerhalb von Gescher einerseits, die Gesamtschule mit den Klassen 5 bis 13 andererseits. Letzteres bedeutete, in Gescher erstmalig eine Abituroption anzubieten – ein für die Stadtentwicklung nicht zu unterschätzendes Pfund. Die Gesamtschule wurde letztlich von der Arbeitsgruppe vorgeschlagen, die Steuergruppe stimmte zu. Parallel dazu gab es Informationsveranstaltungen für Eltern der Grundschüler, die erste von den Elternvertretungen der drei Grundschulen selbst organisiert, weil die Stadtverwaltung eine Befragung der Erziehungsberechtigten ohne vorherige Information für sinnvoll hielt. Ich wurde gebeten, die Moderation zu übernehmen und folgte dieser Bitte auch. Es gab anschließend Befragungen der Eltern durch ein Bonner Institut mit dem Ergebnis, dass integrative Systeme an erster Stelle standen, letztlich gerade auch die Gesamtschule. Während des ganzen Prozesses war zu erkennen, dass sich der Verwaltungsvorstand weder mit dem Prozess noch mit dem Ergebnis anfreunden konnte. Frau Kucharz hatte sich gleich zu Beginn des Prozesses im Ausschuss für den Erhalt des gegliederten Angebots eingesetzt. Ein erster Vorschlag der Verwaltung sah eine sechszügige Gesamtschule mit horrenden Investitionen vor, wohl zur Abschreckung gedacht. Immer wieder wurde als Alternative eine Sekundarschule ins Spiel gebracht. Die Kommunalpolitik folgte jedoch nach einer weiteren Informationsveranstaltung und einer weiteren Befragung dem klar erkennbaren Elternvotum und beschloss, bei der Bezirksregierung die Errichtung einer Gesamtschule zu beantragen.

Bis heute wird immer mal wieder, auch von der Verwaltung, von den hohen Investitionen in die Gebäude des Schulzentrums gesprochen, oft mit dem Hinweis, diese Kosten seien durch die Entscheidung für eine Gesamtschule verursacht worden. Das ist Unsinn. Steine, die aus der Fassade fallen, dürfen auch keine Hauptschüler verletzen, und das Brandschutzkonzept wäre auch für die Realschüler zu verwirklichen gewesen, die Barrierefreiheit ist der Inklusion von Körperbehinderten geschuldet. Die einzige Investition für die Gesamtschule, die zusätzlich zu den „Ohnehin-Kosten“ getätigt werden muss, ist die Ausstattung mit Lehr- und Lernmitteln für die gymnasiale Oberstufe; die Räume sind auch hierfür schon vorhanden. 

Fazit

Nein, die Schullandschaft Geschers ist durch Frau Kucharz nur in Grenzen positiv geprägt worden. Mir ist wichtig, zu betonen, dass meine Hinweise sich nur auf den Bildungsbereich beziehen, andere Aufgabengebiete lagen ihr sicher mehr. Vielleicht kommen wir bei Gelegenheit auch noch einmal ins Gespräch. Ich wünsche ihr jedenfalls Erholung von den Strapazen der letzten Jahre und eine gute und erfüllte Zeit.